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Literaturpreise sind moralische Signale

Nobelpreis für Peter Handke, Deutscher Buchpreis für Saša Stanišić, Booker Prize für Margret Atwood: Preisverleihungen in der Literatur senden immer moralische Signale.
Hansruedi Kugler
Saša Stanišić auf dem Weg zu seiner Dankesrede für den Deutschen Buchpreis. Foto: Keystone

Saša Stanišić auf dem Weg zu seiner Dankesrede für den Deutschen Buchpreis. Foto: Keystone

Viele Literaturfreunde befinden sich seit letzter Woche in steigender Aufregung. Gleich drei Grosspreise innerhalb weniger Tage haben den Streit um Politik und Moral in der Literatur aufflammen lassen. Der Freude über den Nobelpreis für die polnische Regimekritikerin Olga Tukarczuk und der Irritation über denselben Preis für Peter Handke folgten am Montagabend der öffentliche Zorn von Saša Stanišić gegen Handke in seiner Dankesrede zum Deutschen Buchpreis.

Die gestrige Verleihung des Booker Prize an Margret Atwood und Bernardine Evaristo wiederum wird gefeiert als Statement für engagierte Romane – gegen Totalitarismus und Rassismus.

Atwoods «Die Zeuginnen», die Fortsetzung ihres Bestsellers «Der Report der Magd», spielt in einer theokratischen Diktatur Nordamerikas, in der Frauen stumme Sklavinnen sind. Evaristo erzählt in «Girl, Woman, Other» mehrstimmig von den Hoffnungen und Kämpfen von zwölf meist dunkelhäutigen Frauen in London, deren Leben sie verwebt.

Die Jurys stehen unter hohem Erwartungsdruck. Ein Blick in deren Statuten zeigt: Beim Nobelpreis gehören Idealismus und Humanismus dazu, der Deutsche Buchpreis weist mit der Definition «Roman des Jahres» über das Literarische auf die gesellschaftspolitische Wichtigkeit des Romans, der Booker Prize würdigt in britischem Understatement formuliert schlicht «the finest in fiction».

Mit Atwoods dystopischem Warnruf und Evaristos Milieuroman sendet die Jury jedoch auch ein politisches Signal aus: für Toleranz, Multikulturalismus, Feminismus.

Kommunist Brecht ging beim Nobelpreis leer aus

Der Konflikt ist nicht neu. Bertolt Brecht, Ezra Pound und Ernst Jünger haben den Nobelpreis für Literatur nie erhalten. Literarisch herausragend und mit enormer Nachwirkung, waren sie mehrfach nominiert, wurden aber nie berücksichtigt. Ihre zeitweise politische Schlagseite machte sie für den Preis unmöglich: Brecht hat Stalin verniedlicht, Pound den Faschismus verehrt, Jünger die Weimarer Republik und damit die Demokratie verhöhnt.

Das war trotz literarischer Brillanz mit Alfred Nobels testamentarischer Verfügung kaum vereinbar. Ausgezeichnet werden solle nämlich, wer «das Vorzüglichste in idealer Richtung geschaffen hat». Idealismus und Humanismus gehören zur DNA der Nobelpreise. Der Literatursparte wurde oft genug vorgeworfen, «richtige» politische Gesinnung werde höher gewichtet als literarische Qualität.

Dass aber nun mit Peter Handke ein Schriftsteller den Literaturnobelpreis erhält, der als Ehrengast an der Beerdigung des Kriegstreibers Slobodan Milosevic teilnahm, empört zurecht viele.

Geschichten erzählen gegen Geschichtsklitterer

Am Montag hat Saša Stanišić in seiner Preisrede zur Verleihung des Deutschen Buchpreises Handke scharf kritisiert. Dieser habe den Bosnienkrieg verfälscht und die Opfer bagatellisiert. Auch die Jury des Deutschen Buchpreises sendet in ihrer Preisbegründung für Stanišićs Roman «Herkunft» ein deutliches Signal: Stanišić erzähle mit Witz seine Geschichten als bosnischer Kriegsflüchtling «gegen das Narrativ der Geschichtsklitterer».

Stanišićs Empörung über Peter Handke: «Handke hat die Opfer nicht erwähnt. Die Verbrechen aber geschahen. Ich bin erschüttert, dass so etwas prämiert wird.»

Peter Handke ist einer der prägendsten deutschen Schriftsteller der vergangenen 50 Jahre. Sein trotzig-provokatives Insistieren auf der Sprachkritik macht ihn zu einem der grossen Autoren der Gegenwart. Er hat fast alle renommierten Preise erhalten. Den Büchnerpreis aber, den er 1973 erhalten hat, würde er heute kaum mehr bekommen.

Zu sehr ist er wegen seiner politischen Schlagseite diskreditiert als einer, der die Opfer bagatellisiert hat. Das passt schlecht zum Büchnerpreis, der mit dem revolutionären Dichter Georg Büchner verbunden ist, der 1837 mit «Woyzeck» eines der erschütterndsten Dramen über ein geschundenes Opfer von militaristischem Totalitarismus geschrieben hat.

Genau da zeichnet sich die Trennlinie ab zwischen politisch Unkorrektem und moralisch Verwerflichem: Denn Opfer zu bagatellisieren hat nichts mit politischer Haltung zu tun, sondern ist schlicht inhuman.

Wir brauchen aber dringend Künstlerinnen und Schriftsteller, die uns mit ebendieser Unmoral der Welt konfrontieren, die uns provozieren und aufregen. Die Kunst soll jenen Reflexionsraum bieten, in welchem Leser, Hörerinnen, Betrachter mit den Abgründen ringen können. Dazu kann mal die Grenze zum Zynismus überschritten werden. Allerdings ist für solche Werke, auch wenn sie wie bei Handke nur einen kleinen Teil des Gesamtwerks ausmachen, der Nobelpreis nicht der richtige.

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