Literaturpreis
Schweizer Buchpreis 2021: Die fünf Nominierten stehen fest

Martina Clavadetscher, Thomas Duarte, Michael Hugentobler, Christian Kracht und Veronika Sutter stehen mit ihrem Romanen und Erzählbänden auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises 2021.

Hansruedi Kugler
Drucken
Teilen
Martina Clavadetscher ist bereits zum zweiten Mal für den Schweizer Buchpreis nomiert.

Martina Clavadetscher ist bereits zum zweiten Mal für den Schweizer Buchpreis nomiert.

Christian Beutler / KEYSTONE

Drei Bekannte, zwei Debüts und eine Überraschung. So lässt sich die diesjährige Shortlist für den Schweizer Buchpreis zusammenfassen. Denn einer von ihnen hat diesen Preis schon einmal gewonnen: Christian Kracht, 2016 mit dem umstrittenen Roman «Die Toten». Krachts neuer Roman «Eurotrash» wurde dieses Frühjahr überall besprochen und meist begeistert aufgenommen – ein Roman mit einer selbstironischen, autobiografischen Reise in das Familientrauma, mit Nazis, Zynismus und viel Geld – erzählt mit Dialogwitz und bösen Pointen. Kracht ist denn auch der einzige Starautor unter den Nominierten.

Fünf aus 92 macht jedes Jahr eine Vermisstenanzeige nötig

Dass man auf die Fünferliste jeweils mit einer Vermisstenanzeige reagiert, liegt auf der Hand: Dana Grigorcea, Simone Meier, Annette Hug oder Sabine Haupt wären ebenfalls preiswürdig. Man hätte problemlos eine reine Frauenliste erstellen können. Die Jury, die mit Literaturprofis aus Buchhandel, Literaturwissenschaft und Kulturjournalismus zusammengestellt wird, musste ja 92 Titel prüfen. Der Jury dürfen übrigens weder Autorinnen und Autoren noch Vertreterinnen und Vertreter von Verlagen angehören.

Von der Dystopie bis zum Frauenstreik

Eine Shortlist fast ohne Stars also? Zumindest zwei weitere Namen in der Literaturszene seit Jahren bekannt: Martina Clavadetscher ist wie Christian Kracht Dauergast auf der Shortlist. Mit ihrem Romandebüt «Knochenlieder» hatte es jedoch 2017 nicht ganz gereicht für den Hauptpreis. Den gewann damals Jonas Lüscher, der mit seinem fulminanten Roman «Kraft» klarer Favorit war. Nun entwirft sie im Roman «Die Erfindung des Ungehorsams» eine aktuelle Dystopie mit drei ungehorsamen Frauen, künstlicher Intelligenz und einer chinesischen Fabrik für Sexpuppen, die plötzlich menschlich werden.

Auch der weitgereiste Reporter Michael Hugentobler hat es mit seinem Zweitling auf die Shortlist geschafft. Sein Markenzeichen ist die Verbindung von welthistorischen Skurrilitäten und ungezähmter Fabulierlust. Damit hat er bereits mit seinem Erstling «Louis oder der Ritt auf der Schildkröte» vor drei Jahren auf sich aufmerksam gemacht. Im neuen Roman «Feuerland» gerät ein Sprachforscher in die Zangen von Kolonialismus und aufkommendem Nazismus. Zwei Debüts haben es auf die Shortlist geschafft: Thomas Duartes «Was der Fall ist», eine Groteske um einen in seiner absurden Arbeitswelt gestrauchelten Angestellten, ist gerade erst erschienen. Fast unbeachtet ist im Frühling das Erzähldebüt «Grösser als Du» von Veronika Sutter im kleinen Verlag Edition 8 herausgekommen. In 15 Erzählungen stellt sie Figuren vor, die zwischen den Frauenstreiks 1991 und 2021 aus ihrer Selbstverleugnung ausbrechen.

Jurysprecher Daniel Graf lässt sich in der Medienmitteilung mit der Allerweltsaussage zitieren: «Auf der Shortlist finden sich: grosse Namen und echte Entdeckungen. Das klassische Erzählen und das Experimentelle. Das Historische und die Zukunftsvision. Das Abgründige und das Humorvolle. Das Politische und das Verschrobene. Mehr muss man zu Vitalität und Vielseitigkeit der Deutschschweizer Gegenwartsliteratur nicht sagen.»

Schweizer Buchpreis

Geldsegen für die Literatur

Die Auszeichnung ist mit insgesamt 42000 Franken dotiert. Die Preisträgerin oder der Preisträger erhält 30000 Franken; die vier anderen auf der Short List erhalten jeweils 3000 Franken. Die öffentliche Preisverleihung findet am Sonntag, 7. November 2021 um 11 Uhr im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals BuchBasel im Theater Basel statt. 

Und so begründet die Jury ihre Auswahl

1. Drei Frauen, künstliche Intelligenz und Sexpuppenfabrik in China

In Martina Clavadetschers zweitem Roman «Die Erfindung des Ungehorsams» (Unionsverlag) stehen drei Frauen und die Frage nach künstlicher Intelligenz im Zentrum. Iris, die in Manhattan ungeduldig auf die nächste Dinnerparty wartet. Ling, die in einer Sexpuppenfabrik in China künstliche Frauenkörper auf Herstellungsfehler kontrolliert.

Und Ada Lovelace im alten Europa, die visionäre Pläne für neuartige Maschinen entwickelt. Ein Roman über den Kern der Dinge, der durch seine thematische Aktualität und sprachliche Kraft besticht. Clavadetscher war bereits 2017 mit ihrem Roman «Knochenlieder» für den Buchpreis nominiert, den in jenem Jahr dann Jonas Lüscher mit seinem Roman «Kraft» gewonnen hatte.

2. Ein Angestellter verheddert sich in seiner absurden Arbeitswelt

Thomas Duarte

Thomas Duarte

Zvg

Der Basler Schriftsteller Thomas Duarte erzählt in seinem Romandebüt «Was der Fall ist» (Lenos Verlag) von einem Sachbearbeiter einer Stiftung, der nach Mitternacht auf einem Polizeiposten erscheint und erzählt, wie sein Leben aus den Fugen geratenen ist. Er wird finanzieller Unregelmässigkeiten verdächtigt, lässt eine illegal arbeitende Frau im Büro wohnen, deren Lebensberichte ihrerseits Teil der Geständnisse sind. Thomas Duarte entfacht ein funkelndes Erzählfeuerwerk und entlarvt dabei ernsthaft wie ironisch die Absurditäten unserer Arbeitswelt.

3. Ein obsessiver Sprachforscher in den Zwängen des Kolonialismus

Michael Hugentobler.

Michael Hugentobler.

Bild: Britta Gut

Michael Hugentoblers zweiter Roman «Feuerland» erzählt von Thomas Bridges, dem Ziehsohn eines englischen Missionars, Dieser wächst Mitte des 19. Jahrhunderts in Südamerika unter den Kindern der Yamana auf. Fasziniert und obsessiv legt er ein Wörterbuch ihrer reichen Sprache an, das später in die Hände eines deutschen Völkerkundlers gerät.

Als die Nationalsozialisten in den 1930er Jahren beginnen, Bibliotheken zu plündern, gilt es, das Nachschlagewerk unter allen Umständen in Sicherheit zu bringen. Eine subtil erzählte Geschichte zwischen kolonialen und nazistischen Verheerungen, die ohne Helden auskommt. Hugentobler, der als Reporter und Weltreisender unterwegs ist, hat sich bereits in seinem Roman «Louis oder der Ritt auf der Schildkröte» im Jahr 2018 einer kuriosen Abenteurergeschichte angenommen.

4. Ein Kultautor reist selbstironisch ins Autobiografische

Christian Kracht

Christian Kracht

Bild: Noa Ben-Shalom

Christian Krachts Roman «Eurotrash» (Kiepenheuer&Witsch) ist auch für den Deutschen Buchpreis nominiert. In einer listig arrangierten Autofiktion unternimmt der Erzähler mit Namen Christian Kracht eine Reise mit seiner achtzigjährigen alkohol- und tablettensüchtigen Mutter: von Zürich in die alte Heimat Gstaad und wieder zurück. Dabei möchten sie viel von dem Geld ver-schenken, das die Familie im Beziehungsgeflecht von Altnazis in der BRD angehäuft hatte. So frech und spektakulär kann nur Christian Kracht die «Aufarbeitung» einer Familiengeschichte misslingen lassen.

5. Erzählungen gegen die Scham und die Verdrängung

Veronika Sutter, Schriftstellerin

Veronika Sutter, Schriftstellerin

Edition 8

Eine Überraschung unter den fünf Nominierten ist Veronika Sutter mit ihrem Roman «Grösser als Du» (Verlag Edition 8). Ihre Romanfiguren heissen Gloria, Helen oder Gino und leben allesamt mit einem Geheimnis. Scham und Verleugnung hindern sie, über das zu sprechen, was hinter ihren Wohnungstüren passiert.

«Grösser als du» versammelt 15 lose verbundene Erzählungen, die zwischen den Frauenstreiks von 1991 und 2019 angesiedelt sind. Es sind Stücke über Beziehungen und Momente, wo Liebe in Gewalt kippt. Mit präzisen Schnitten und überraschenden Wendungen bringt Veronika Sutter Licht in die dunklen Geschichten.

Die öffentliche Preisverleihung findet am Sonntag, 7. November 2021, 11 Uhr, im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals BuchBasel, im Theater Basel statt. Der Eintritt ist frei. Besucherinnen und Besucher benötigen ein Covid-Zertifikat und einen amtlichen Ausweis. Die Platzanzahl ist beschränkt. Gratis-Tickets können ab sofort unter www.buchbasel.ch gebucht werden.

Aktuelle Nachrichten