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Ein Preis wie ein Paukenschlag

Die doppelt vergebenen Literaturnobelpreise gehen an Peter Handke und Olga Torkarczuk. Eine umstrittene und wegweisende Wahl.
Peter Henning
Peter Handke, Preisträger für 2019, und Olga Torkarczuk, Preisträgerin für 2018. (Bilder: Keystone/ Imago Images)

Peter Handke, Preisträger für 2019, und Olga Torkarczuk, Preisträgerin für 2018. (Bilder: Keystone/ Imago Images)

Nun stehen sie also fest, die beiden Literatur-Nobelpreisträger des Jahres 2019: die Polin Olga Torkarczuk (die ihn rückwirkend für 2018 erhält) und der Österreicher Peter Handke. Und die getroffene Entscheidung, insbesondere für den streitbaren Österreicher, der spätestens seit seiner öffentlichen Rede auf den jugoslawischen Ex-Diktator Slobodan Milosevic anlässlich dessen Begräbnisses 2006 als nicht mehr vermittelbar galt, ist ein Paukenschlag.

Doch offenbar haben sich die Entscheider um den ständigen Sekretär der Stockholmer Nobelpreis-Akademie, Mats Malm, dazu entschlossen, der zuletzt durch Männergehabe, Korruptionsvorwürfe und sexuellen Missbrauch gebeutelten Akademie ein neues Selbstverständnis zu verpassen, getreu der Maxime: was schert uns die Vergangenheit – lasst uns vielmehr selbstbewusst nach vorne blicken!

Handkes beste Jahre als Autor liegen lange zurück

Denn mutig ist die Entscheidung pro Handke allemal – galt der seit seiner unguten Parteinahme für den 2001 an das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag ausgelieferten und später des Völkermordes angeklagten Kosovokriegers Milosevic vielen mit Blick auf eine mögliche Auszeichnung doch damit als dauerhaft verbrannt.

Die Wahl Handkes nun wird dessen Texte neuen Prüfungen unterziehen. Tatsächlich liegt Handkes literarische Hoch- und Blütezeit inzwischen gut dreissig Jahre zurück; gemeint sind 70er- und 80er-Jahre, als sich der 1942 als Sohn einer Kärntner Slowenin und eines Deutschen im österreichischen Griffen geborene Schriftsteller mit Büchern wie «Die Angst des Tormanns beim Elfmeter», «Der kurze Brief zum langen Abschied», «Die linkshändige Frau» und seinen Theaterstücken und wahrhaft luziden «Journalen» Weltruhm erschrieb.

Nach Jahren in der Pariser Abgeschiedenheit wird es nun noch einmal laut um den einstigen Literaturpopstar und exzellenten Selbstvermarktungsstrategen, der mit einem spektakulären Auftritt bei der Gruppe 47 im amerikanischen Princeton 1966 schlagartig bekannt wurde. Und das nicht ganz zuunrecht. Denn schon früh führte der Gipfelstürmer Themen wie Popmusik, James Bond oder die Filme des Sechzigerjahre-US-Kinos in die seinerzeit noch stark restaurativ ausgerichtete deutschsprachige Literatur der Sechzigerjahre ein.

Handke schrieb zudem Stücke wie seine berühmte, 1966 unter der Regie von Klaus Peyman in Frankfurt uraufgeführte «Publikumsbeschimpfung», mit welcher er zudem ganz nebenbei das deutsche Theaterverständnis gegen den Strich bürstete – und sich als unerschrockener Bürgerschreck etablierte.

Seine frühen Bücher generierten zeitweise schwindelerregende Auflagenzahlen – spätestens mit seiner Hinwendung zu einem eher priesterlichen, an Goethe geschulten Erzählton aber, dem er in Arbeiten wie «Langsame Heimkehr» (1979), «Die Lehre der Saint Victoire» (1980) oder «Der Chinese des Schmerzes» (1983) Ausdruck verlieh, gingen diese zurück – und Handke kultivierte für sich den Gestus des auf Erleuchtungskurs schreibenden Literaturmönchs.

Ein wirklich grosses, epochemachendes Buch gelang ihm nicht mehr. Gleichwohl aber wird nun ein Schriftsteller ausgezeichnet, der nicht nur in Form eigener Erstübersetzungen ins Deutsche Autoren wie Patrick Modiano, Emmanuel Bove oder Walker Percy bei uns bekannt machte – sondern bis heute den klassischen Schriftsteller in der Tradition Prousts oder Tschechovs repräsentiert, der sich als Welterklärer versteht, als kritischer Beobachter seiner Zeit.

Torkarczuk erreichte bislang kein grosses Publikum

Die Vergabe des zweiten, rückwirkend für das Jahr 2018 vergebenen Preises an die 1962 im polnischen Sulechow geborene Schriftstellerin, Verlegerin und Psychologin Olga Torkarczuk mutet doch als einigermassen überraschend, wenn nicht unerwartet an. Und das zurecht.

Zwar liegen die Romane der in einem Dorf beim polnischen Nova Ruda lebenden Schriftstellerin seit den 90er-Jahren in loser Folge in deutschen Übertragungen vor – also Bücher wie «Reise der Buchmenschen» (1993), ihr dritter Roman «Ur und andere Zeiten» (2000) oder zuletzt der historische Roman «Die Jakobsbücher» (2014) über den jüdischen Rabbiner, Propheten und Astrologen Jakob Joseph Frank. Einige von ihnen erschienen beim Zürcher Kampa-Verlag (siehe Text unten).

Ein grösseres Publikum aber hat die Polin in hiesigen Breiten nie erreicht. Dabei kann man hier eine Dichterin entdecken, welche die Akademie in ihrer Begründung «für eine erzählerische Vorstellungskraft» preist, «die mit enzyklopädischer Leidenschaft das Überschreiten von Grenzen und Lebensformen» repräsentiere.

Zuletzt erhielt sie 2018 den renommierten «Man Booker Preis» für ihren ins Englische übertragenen, auf Deutsch unter dem Titel «Unrast» erschienenen Roman «Flights». Darin besticht die Polin durch einen ebenso klaren wie unerschrockenen Blick, mit dem sie in Form enger, scheinbar zufällig gefügter Snapshots ihre Heldin – eine weitgereiste Nomadin und Anarchistin der Literatur – auf unsere scheinbar aus den Fugen geratene Welt blicken lässt.

«Biegumi» – so der polnische Titel des Buches – ist ein flammender Appell für ein Leben jenseits der glatt polierten Oberflächen, gedacht als Anstiftung zu einer mutigen «Exkursion in die Tiefen unserer Existenz».

Eine unerschrockene Mahnerin und Zivilisationskritikerin

Darin heisst es einmal: «Die einzig mögliche Bewegung scheint mir die Bewegung in die Tiefe zu sein.» Denn wenn diese nun mit ihrer Auszeichnung auf die literarische Weltbühne katapultierte polnische Dichterin eines vor allem ist, dann dies: eine unerschrockene Mahnerin und Zivilisationskritikerin, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, uns in unserer allzu behaglichen Gemütlichkeitspose aufzustören, wachzurütteln.

So schreibt sie mit ihren gewundenen, oft wie tranceartig und seltsam in sich versponnenen und thematisch verspiegelten Romanen und Geschichten an gegen die grassierende Vereisung und Vereinsamung des Menschen im Hochgeschwindigkeitszeitalter. Denn ihr Ansinnen ist das einer grossen Engagierten, die selbst an der grossen Entwurzelung zu leiden scheint.

So gibt sie in ihren Texten all jenen heimatlos Gewordenen, in einer Art Dauertransit Gefangenen eine Stimme, mutig und entschlossen. Gut, dass sie nun weltumspannend zu hören sein wird. Denn sie hat Gewicht.

Olga Torkarczuk sei, als bekannt wurde, dass sie den Preis erhalte, mit dem Wagen unterwegs gewesen – und kurz rechts rangefahren. Und über Peter Handke heisst es in einer ersten Stellungnahme, die Auszeichnung habe ihn gerührt. Der Preis wird das Leben beider für immer verändern. Und der Akademie in Stockholm ist es gelungen, die Literaturwelt zu überraschen. Möge sie dem eingeschlagenen Weg weiter folgen. Es könnte der Beginn von etwas Neuem, Spannendem sein.

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