Die Auftritte der beiden Literaturnobelpreisträger in Stockholm zeigen ihre Gegensätze

«Leere Journalistenfragen» oder die Weltrettung durch Literatur: Vor der Verleihung der Nobelpreise sprachen Olga Tokarczuk und Peter Handke über ihr Literaturverständnis.

Hansruedi Kugler
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Olga Tokarczuk und Peter Handke nach ihren Nobelpreisreden in Stockholm.

Olga Tokarczuk und Peter Handke nach ihren Nobelpreisreden in Stockholm. 

Bild: Jonas Ekstroemer/EPA

Er musste wissen, was ihn an der Stockholmer Pressekonferenz erwartet: Ein Tribunal. Aber Peter Handke, seit Wochen von vielen Medien kritisiert, hat keine Lust auf verhörartige Journalistenfragen: «Ich schreibe nicht mit Meinungen. Ich habe niemals eine Meinung gehabt. Ich hasse Meinungen.» Seine Reaktion auf die Frage, ob er sich nicht entschuldigen wolle für seine parteiischen Texte während der Balkankriege, fiel wie gewohnt ausweichend, verärgert, unflätig aus. Den «leeren» Journalistenfragen ziehe er das Toilettenpapier vor, auf dem ihm ein wütender Leser geschrieben habe.

Das «happy birthday» zu Beginn der zur Tradition gehörenden Pressekonferenz vor der feierlichen Verleihung der Nobelpreise war da schon vergessen. Denn Peter Handke wurde am vergangenen Freitag 77 Jahre alt, am Tag der Pressekonferenz in Stockholm. Und einige Medienleute stimmten ins Geburtstagslied ein. Aber die Anspannung dürfte noch anhalten. Vergangene Woche war bekannt geworden, dass das langjährige Akademiemitglied Peter Englund aus Protest gegen die Auszeichnung für Peter Handke an keinen Feierlichkeiten teilnehmen wird. Und für morgen Dienstag sind in der schwedischen Hauptstadt Demonstrationen gegen Peter Handke angekündigt – unter anderem von bosnischen Flüchtlingen.

«Meine Leute sind die Leser, nicht ihr»

Auf die Frage, wie er mit diesen Protesten umgehen wolle, erzählte Handke, er habe zwei Mütter treffen wollen, die ihre Söhne im Balkankrieg auf verschiedenen Seiten verloren hätten. Im Moment sei das nicht möglich, hätten ihm Freunde in Bosnien geantwortet. Schon bei der Verleihung des Ibsen-Preises 2014 war Peter Handke mit «Faschist»-Rufen in Norwegen empfangen worden.

Handkes Schlussworte an der Pressekonferenz, die er auf englisch führte, waren gleichzeitig eine Ohrfeige an die Journalisten und eine Überleitung zu seiner Nobelpreisrede, die er am Samstagabend hielt: «My people are readers, not you.» Denn in seiner Rede mochte man eine persönliche, poetisch versteckte Anspielung auf seine Bücher zum Balkankrieg sehen – und vielleicht ein Hinweis auf die jetzige, eigene Sprachlosigkeit. Seine Mutter habe ihm vom Tod ihres jüngsten Bruders 1943 während des Russlandfeldzugs erzählt. Der älteste Bruder, gerade auf Heimaturlaub, habe es nicht fertig gebracht, der Familie davon zu berichten – und wenig später sei auch dieser älteste Bruder in Russland gefallen.

«Die Lüge ist eine Waffe geworden»

Völlig entspannt hingegen verliefen die beiden Auftritte von Olga Tokarczuk. Auch die polnische Schriftstellerin erzählte von ihrer Mutter. «Wenn man etwas vermisst, ist es gerade dadurch anwesend», habe ihre Mutter sie gelehrt. Dieser Satz sei für sie tröstlich und prägend geworden – und als präzise Erinnerung und Sehnsucht für sie als Schriftstellerin Antrieb für das Schreiben geworden. «Die Lüge ist eine gefährliche Waffe geworden», sagte sie. Literatur sei ein Korrektiv zu den flachen, manipulierbaren Realitätserzählungen in den zeitgenössischen Medien: «Literatur ist eine der wenigen Sphären, die versuchen, uns nahe an den harten Fakten der Welt zu halten, denn ihre eigentliche Natur ist immer psychologisch, sie konzentriert sich auf die Gedanken und Motive der Figuren, sie enthüllt uns die Erfahrungen einer anderen Person, die sonst unzugänglich für uns blieben.»

Was ihr vorschwebt: Ein «tender Narrator», also ein zärtlicher Erzähler, der sich nicht um Ich-Befindlichkeiten kreist, sondern aus einer übergeordneten Perspektive voller Empathie und Präzision erzähle. Wer ihre Bücher kennt, in denen sie virtuos mit Mythen und Nationalismen aufräumt, hat damit eine Erklärung ihrer Schreibweise.

Literaturpreise sind moralische Signale

Nobelpreis für Peter Handke, Deutscher Buchpreis für Saša Stanišić, Booker Prize für Margret Atwood: Preisverleihungen in der Literatur senden immer moralische Signale.
Hansruedi Kugler