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LITERATURKENNER: Fundgrube für Menschenkenntnis

Johannes Anderegg beweist mit seinem neuen Buch, dass aufmerksame Leser im Spiegel der Literatur ihre Menschenkenntnis schärfen: Eine Entdeckungsreise zum Bösen, zur Zeit, zur Sprache, zum Geben.
Literaturwissenschafter Johannes Anderegg. (Bild: Urs Bucher (8.12.2016))

Literaturwissenschafter Johannes Anderegg. (Bild: Urs Bucher (8.12.2016))

«Geben ist seliger denn Nehmen.» Das geflügelte Wort kennt jeder – als gedankenlose Allerweltsweisheit. Einem Kulturwissenschafter wie Johannes Anderegg ist das Ansporn zum gründlichen und lustvollen Nachhaken. Schliesslich fassen geflügelte Worte Probleme zentraler Lebensthemen in Kurzform und spiegeln unser moralisches Empfinden. In seinem neuen Buch belegt der emeritierte St. Galler Literaturprofessor mit seinem imposanten Wissen über die Geistesgeschichte, was wir im Spiegelkabinett der Literatur über diese Fragen auffinden. Und wer sich dem gewandeten Führer durch die Jahrhunderte anschliesst, gerät ins Staunen: Was sagt der Sprachgebrauch über soziale Verhältnisse und Charaktere aus? Wie vielfältig, mal heimtückisch, mal entlarvend sind die Bedeutungen von Geschenken und Gaben? Was lernen wir an Darstellungen des Bösen über uns und über frühere Zeiten? Was entdecken wir in unterschiedlichen Zeitvorstellungen? Die Literatur ist hier eine Fundgrube lebensweltlicher Einsichten. Nicht in Form eindeutiger Beweise. Sondern im Spiegel der Literatur zeigen sich Varianten – als Vielfalt, in der die Individualität und die Zeitbedingtheit mit geschärftem Blick wahrgenommen werden kann.

Andereggs Beispiele erweisen sich als veritable Lebensschule der Menschenkenntnis. Was er, der einer der besten Goethe-Kenner ist, aus dem «Faust» herausliest, ist alleine schon bewundernswert. Leere Worte, die Nichtwissen kaschieren; angebliche Herzenssprache, die sich als nachgeahmtes Liedgut erweist; Verstellung, Manipulation, Täuschung – kein Wunder, ist Anderegg von Goethe fasziniert. Aber sein Blick geht weit über den grossen Klassiker hinaus: Hin auf Büchners «Woyzeck» mit seiner modernen, beklemmenden Sprachnot, auf Hofmannsthals Sprachskepsis, auf Musil und Max Frisch, ja sogar auf Elfriede Jelinek, die «Fetzen aus alltagssprachlicher Kommunikation kompiliert, zitiert, imitiert oder parodiert». In seinem Kapitel über die zwiespältige «Lust zu geben» geht Anderegg noch deutlich weiter zurück in die Kulturgeschichte: Zum Trojanischen Pferd, zur Büchse der Pandora, zum Apfel im biblischen Paradies – und erweist sich in einem Exkurs auch noch als Kenner der Filme von Woody Allen. Indem Anderegg in der Faust-Figur des Knaben Lenker die Poesie als reine, verschwenderische Gabe aufzeigt, spürt der Leser ein Augenzwinkern des Autors: Lieber Leser, Literatur drängt sich nicht auf und ist ein Geschenk! Sein Buch ist dafür ebenfalls schöner Beleg.

Hansruedi Kugler

hansruedi.kugler

@tagblatt.ch

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