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Projekt für ein St.Galler Literaturhaus: 180'000 Franken Miete für die Villa Wiesental

Bis Ende Jahr will die Pensionskasse Stadt St.Gallen über die künftige Vermietung der Villa Wiesental an zentraler Lage entscheiden. Unter den Interessenten: Eine elfköpfige Gruppe, die hier ein Literaturhaus einrichten möchte. Ihr Zeitplan ist sportlich.
Hansruedi Kugler
Die Villa Wiesental (vorne) steht hinter dem Bahnhof gleich neben dem Kulturzentrum Lokremise (Mitte links). (Bild: Benjamin Manser)

Die Villa Wiesental (vorne) steht hinter dem Bahnhof gleich neben dem Kulturzentrum Lokremise (Mitte links). (Bild: Benjamin Manser)

In Zürich und Basel gibt es Literaturhäuser. Klar, das sind grosse Städte. Aber es gibt sie eben auch im kleinen Lenzburg und sogar im winzigen Gottlieben am Bodensee: Häuser, wo gelesen, geschrieben, gestritten wird. Wo Lesezirkel entstehen, wo Verleger, Künstler und Schulklassen sich begegnen, wo die Welt in ihrer Vielfalt durch Erzählungen in eine Stadt kommt. Nicht nur alle paar Wochen, sondern dauerhaft. Sozusagen als ein narratives Fernrohr in die Welt.

Es mag Zufall sein, dass in diesen Wochen Jonas Lüscher, einer der interessantesten Schweizer Autoren, in St.Gallen eine dreiteilige Vorlesung zu diesem Thema hält: Ein Plädoyer für die gesellschaftliche Wichtigkeit des Erzählens, welches, wie er sagt, komplexe soziale Phänomene besser beschreibe als die auf Messbares reduzierte Wissenschaft. Kein Zufall ist es aber, dass Lüscher seine Vorlesung in einem Provisorium hält: Im Raum für Literatur im Gebäude der Hauptpost St.Gallen. Mit der Bibliothek soll er in einigen Jahren an den zentralen Marktplatz in St.Gallen umziehen.

«Mit der Villa entsteht eine einmalige Chance»

Die Pensionskasse Stadt St.Gallen hat nun kürzlich das Sanierungs- und Erweiterungsprojekt mit und um die Villa Wiesental gleich neben dem Kulturzentrum Lokremise beim Bahnhof vorgestellt. Die prächtige Villa braucht eine Sanierung für fünf Millionen Franken, dahinter wird ein Neubau entstehen für 23 Millionen Franken. Da mussten die Initiantinnen des Literaturhauses reagieren: «Eine öffentliche Nutzung ist ein Muss für die Villa an dieser tollen Lage», sagt Sandra Meier, Leiterin des Kulturkinos Kinok, und eine der Initiantinnen.

«Mit einem Literaturhaus gleich neben der Lokremise würde zudem ein lebendiges Kulturquartier gleich hinter dem Bahnhof entstehen. Mit der Villa entsteht eine einmalige Chance.» Ein Traumobjekt also an Traumlage. Kommt hinzu, dass die Initiantinnen beschlossen, das Literaturhaus Wyborada mit der Frauenbibliothek und Fonothek zu führen.

Vielfältige Buchstadt St.Gallen

St.Gallen nennt sich gerne «Buchstadt», weil hier mit der Stiftsbibliothek eine der wichtigsten und schönsten Bibliotheken Europas steht. Es gibt aber auch die zwei Kleintheater, die Kellerbühne und das Parfin de siècle, die Literarisches aufs Programm setzen, sowie Buchhandlungen und Bibliotheken, die sich bei ihren Lesungen eher auf Neuerscheinungen konzentrieren. Hinzu kommen literarische Vereine und Anlässe. Etwa die Gesellschaft für deutsche Sprache und Literatur oder das Literaturfestival Wortlaut.

Ein Literaturhaus sei ein Kristallisationspunkt, es befeuere die hiesige Literaturszene und bietet vor allem einen Mehrwert, so Meier: mit Ateliers für Schreibkurse und Gastautoren, mit Lesezimmer, Saal und Café für Lesungen, Debatten und Begegnungen. «Wenn wir ein grosses Haus haben, kann es sogar Raum für spartenübergreifende Initiativen bieten», sagt Sandra Meier. Das Literaturhaus solle die bestehenden Angebote nicht konkurrenzieren, sondern die bereits vorhandenen Kräfte im Raum St.Gallen einbeziehen, verstärken und in die Region ausstrahlen.

Ende Jahr entscheidet Pensionskasse über Nutzung

René Menet ist Geschäftsführer der Pensionskasse Stadt St.Gallen. Diese ist Bauherrin der Villa Wiesental. Von der Idee eines Literaturhauses hat er aus der Zeitung erfahren, kontaktiert worden ist er bisher von den Initiantinnen noch nicht. Er habe Sympathien für die Idee eines Literaturhauses, sagt er, stellt aber klar: «Die Pensionskasse ist eine selbständige, öffentlich rechtliche Anstalt. Deren Aufgabe ist es, die Renten der Pensionierten sowie das Altersguthaben der Aktivversicherten zu garantieren.»

Deshalb werde die Villa renoviert und dann zusammen mit dem Neubau vermietet: «Verkauf ist keine Option.» Für die 700 Quadratmeter Nutzfläche der Villa rechnet er mit einem Jahresmietzins von 180'000 Franken. Im Neubau neben der Villa sei ein Café geplant, «denn wir wollen, dass diese Gebäude offen und belebt sind». Sowohl die Villa wie der Neubau scheinen begehrt zu sein: «Wir haben bereits konkrete Anfragen anderer Interessenten erhalten.» Zuhanden der Initiantinnen des Literaturhauses sagt er: «Ende Jahr werden wir die eingegangenen Anfragen prüfen und dann die Nutzung gesamthaft definieren.» Bis dahin sollten also Konzept, Raumbedarf und Finanzierungsplan aller Interessentinnen und Interessenten bei ihm eingetroffen sein.

Für die Finanzierung ist die Hürde definiert: 180'000 Franken Jahresmiete für die ganze Villa, was eine Monatsmiete von 15'000 Franken bedeutet. René Menet macht jedoch eine Türe auf: «Allenfalls wären Räume im Neubau inklusive Café für eine Nutzung als Literaturzentrum geeignet.» Für die 400 Quadratmeter im Neubau müsste das Literaturhaus rund 120'000 Jahresmiete aufbringen. Für den Betrieb käme dann je nach Konzept nochmals ein grösserer Betrag hinzu.

Stadt und Kanton sind noch zurückhaltend

In anderen Städten ging der Gründung eines Literaturhauses oft eine Schenkung eines Gebäudes voraus: So in Lenzburg oder in Gottlieben. Dauerhafte finanzielle Unterstützung durch Stiftungen und die öffentliche Hand sind Voraussetzung für die Etablierung dieser Literaturhäuser.

Kristin Schmidt, Co-Leiterin der Kulturförderung der Stadt St.Gallen, verweist auf die laufende Unterstützung der Frauenbibliothek Wyborada. Diese beträgt 40'000 Franken pro Jahr. Falls diese Frauenbibliothek mit ihren Veranstaltungen in das Literaturhaus umsiedelt, würde die Stadt ihre Unterstützungsmöglichkeit auf der Basis der dort angebotenen Leistungen neu erwägen. Aus ihrer Sicht müsste ein Literaturhaus offen sein und einen Mehrwert bieten zu den bisherigen Literaturangeboten der Stadt. «Wenn ein Konzept vorliegt, werden wir dieses selbstverständlich prüfen», sagt Schmidt.

Zentraler Standort in der neuen Bibliothek

Katrin Meier, Leiterin Amt für Kultur des Kantons St.Gallen, sagt, bis anhin sei sie im Gespräch mit der «Wyborada» für die Übernahme ihrer Bestände in die Kantonsbibliothek und damit auch in die geplante neue Kantons- und Stadtbibliothek gewesen, die auch Elemente eines Literaturhauses aufnehmen werde: «Es ist das Anliegen des Kantons und der Stadt, einen Teil der Bibliotheksstandorte in der Stadt in einer neuen Bibliothek an einem zentralen Standort zusammenzuführen.»

Derzeit laufen die Planungsarbeiten für den Standort. «Die konkreten Pläne der Initiantinnen des nun angedachten Literaturhauses kennen wir noch nicht, weshalb es für eine Beurteilung der Finanzierung und der allfälligen Unterstützung zu früh ist.»

Dass die Zeit knapp ist, weiss Sandra Meier: «Ich hoffe, dass sich Stadt, Kanton und Stiftungen begeistern lassen. Aber ja, der Zeitplan ist heftig.» Sehr bald würden nun Kontakte zu Veranstaltern, Behörden und Bauherr gesucht.

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