LITERATUR: Zwilling unterm Mikroskop

Eine Flechtenforscherin steht im Zentrum von Barbara Schiblis Débutroman. Als Zwilling teilt sie viel mit der geheimnisvollen Lebensform, die sie erforscht.

Irene Widmer/sda
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Flechten sind nicht gerade ein prickelndes Wissensgebiet, denkt man. Doch weit gefehlt. Es sind Doppelwesen aus Pilz und Alge, ihre Existenz wird als Symbiose oder als Parasitismus bezeichnet. Auch Forscherin Anna schwankt: Mal fühlt sie sich aufgehoben in der Einheit mit ihrer Schwester, andere Male ausgebeutet und um ihre Einzigartigkeit betrogen. Zumal ihre Schwester Leta Annas Wohlwollen gewaltig strapaziert: Einmal, indem sie in einem Akt von unglaublicher Brutalität Anna fürs Leben zeichnet. Und ein anderes Mal, als sie der Schwester eine Kunstausstellung widmet, in der nichts als Fotografien von Anna zu sehen sind. Was Anna daran nachhaltig erschüttert: Leta hat das einzige Merkmal, das die beiden Schwestern äusserlich voneinander unterscheidet, wegretuschiert und nennt die Ausstellung «Observing the Self». Damit ist Anna de facto ausgelöscht, die Bilder könnten genauso gut Leta zeigen. Anna war schon bei der Geburt der Zwilling, mit dem niemand gerechnet hatte. Als Erwachsene vergewissert sie sich zwanghaft ihrer selbst. Täglich googelt sie ihren Namen.

Flechten sind einerseits zäh und besiedeln Lebensräume, wo nichts anderes gedeiht. Andererseits reagieren sie empfindlich auf Luftverunreinigungen. Auch Anna vereinigt diese Gegensätzlichkeiten. Sie lebt mit einem Mann zusammen, der ihr nichts gibt und den man nicht geschenkt möchte – trotzdem liebt sie ihn. Auf der anderen Seite erschüttert sie Letas Ausstellung so heftig, dass der Ausdruck «mimosenhaft» direkt noch geschmeichelt anmutet. Mit der Flechte hat die Autorin Barbara Schibli eine Metapher ausfindig gemacht, die auf faszinierende Weise einen komplexen menschlichen Charakter literarisch zu modellieren vermag. Dazu kommen weitere Leitmotive, welche die Person der Anna weiter schattieren: die Legende vom heiligen Georg etwa, Fledermäuse auch, sowie ein Familiengeheimnis, das mit Letas Kamera zusammenhängt.

Das alles ist handwerklich sorgfältig gemacht, und Schauplätze wie das amerikanische ­Albany, das Bündner Dorf Bever und die finnischen Wälder geben kulturgeschichtlich und optisch viel her. Der Schluss, Annas «Erweckungserlebnis» nach einer gemeinschaftlichen Naturerfahrung mit anderen Flechten-«Nerds», scheint herbeigezwängt. Ausserdem muss man das klassische Nabelschau-Genre mögen, sonst droht Langeweile.

Irene Widmer/SDA