LITERATUR: Wir Männer sind dann mal weg

Was ist nur mit den Schweizer Romanhelden los? Gleich in drei neuen Schweizer Romanen laufen sie einfach von ihren Familien weg und sagen kein Wort. Eine Spurensuche in einer aktuellen Polemik.

Hansruedi Kugler
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Alleine mit seiner Identitätskrise: Der gut situierte Mann mittleren Alters. (Bild: Klaus Vedfelt/Getty)

Alleine mit seiner Identitätskrise: Der gut situierte Mann mittleren Alters. (Bild: Klaus Vedfelt/Getty)

Hansruedi Kugler

hansruedi.kugler@tagblatt.ch

Männer wollen Beziehungspro­bleme nicht wahrhaben, kennen sich selbst kaum, schweigen lieber und träumen davon, aus ihrem bürgerlichen Leben abzuhauen – Männer sind also typische Feiglinge, peinliche Fluchttiere, Möchtegern-Abenteurer. Es ist kein Geheimnis, dass viele Frauen exakt so über Männer denken. Dass sie dieses Bild auch auf aktuelle literarische Männerfiguren übertragen, liegt nahe. Nur: Sind das blosse Platitüden?

Ein paar neuere Schweizer Romane scheinen das Klischee zu erfüllen. Lukas Bärfuss’ Antiheld in «Hagard» vergisst, seinen Sohn bei der Tagesmutter abzuholen. Er läuft, magisch angezogen von einem Paar «pflaumenblauer Ballerinas», einer jungen Unbekannten hinterher und geradewegs ins Verderben. Jonas Lüschers Richard Kraft flieht im gleichnamigen Roman ins ferne Kalifornien, um dort mit einem Wettbewerbsvortrag jene Million zu gewinnen, die ihm den Abschied von der Familie ermöglicht. Und vor kaum einem Jahr liess Peter Stamm einen Familienvater einfach weglaufen aus seinem von Thujahecken umzäunten Einfamilienhaus, ziellos, ohne ein Wort zu sagen, und sich in den Alpen verlieren.

Drei Autoren, allesamt erste Garde der mittleren Generation. Die übrigens allesamt wunderbaren und themenreichen Romane haben hierzulande eine Polemik ausgelöst. Die «Weltwoche» hat die Fluchten dieser Männerfiguren von Bärfuss, Lüscher, Stamm kürzlich süffisant als «Aufstand der Waschlappen» tituliert – und unterschwellig die Autoren in dieselbe Kategorie eingeordnet.

Romane sind keine Ratgeberliteratur

Was haben die drei gemeinsam? Es sind keine Aussteiger, die ein Ziel, ein Ideal, verfolgen. Es sind keine Abenteurer mit Entdeckerlust. Sie müssen nicht einmal Schicksalsschläge verarbeiten. Sie sind gesund, haben Familie, Beruf und Haus. Kurzum: Es sind Männer im mittleren Alter ohne äusserlich erkennbare Probleme. Es sind Wohlstandsbürger, aber offenbar innerlich verwahrlost, heimatlos, einsam, sinnentleert. Und da beginnt die Polemik. Sie sind nämlich auch unfähig und unwillig, sich mit ihren Hauptaufgaben zu beschäftigen, die da wären: Familie, Beruf, bürgerliches Engagement in der Gesellschaft. Ihnen geht einfach die Luft aus.

Ehrlicherweise muss man gestehen: Das kommt jedem im mittleren Alter stehenden Mann bekannt vor. Von der Mehrfachbelastung der Frauen sind die Zeitschriften voll, von der Dreifachbelastung der in der Leistungs- und Emanzipationsgesellschaft gebeutelten Männer liest man ungleich seltener. Literatur darf man in diesem Sinne ruhig als Seismografen des Zeitgeistes betrachten. Alle drei Bücher bieten kaum Antworten. Romane sind keine simple Ratgeberliteratur. Rezepte für ein gelingendes, erfolgreiches Leben sollte man von ihnen nicht erwarten. Aber dass sie sich in Fluchtfantasien erschöpfen, dass sie einfach davonlaufen, kann einen trotzdem ärgern. Vor allem, weil ihre Ausbrüche so zahm und kleinmütig sind wie die Biederkeit ihres Lebens zuvor. Stamms Held schaut zwar im Bordell vorbei, trinkt dann aber dort nur ein Bier und zottelt weiter, Bärfuss’ Held spricht die von ihm verfolgte Frau nicht mal an. Man würde diese Helden am liebsten schütteln.

Männer sind literarisch heimatlos

Denn auch einen Vielleser überkommt gelegentlich die Lust auf naive Identifikation mit Romanhelden. So wie man sich als Kind völlig selbstverständlich mit Donald Duck und Winnie Puuh solidarisiert hat, dann mit Odysseus mitgesegelt ist, mit Old Shatterhand die Indianer beschützt und mit Robinson Crusoe ums Überleben gekämpft hat. Spätestens nach dem Serien-Kommissar Jerry Cotton ist aber die wohlige Freundschaft mit den Abenteuerhelden der Jugend zu Ende. Kaum geht man ins Gymnasium, liest man Franz Kafka, Thomas Bernhard, Dürrenmatt, Shakespeare, Max Frisch – und hat plötzlich nur noch gescheiterte Liebhaber, Verbrecher oder Opfer, vereinsamte, gebrochene Männer vor sich. Das ist meistens nicht gerade fröhlich, und nicht wenige Männer hören genau deshalb auf, Romane zu lesen. Die positiven Identifikationsfiguren fehlen. Aber die Lehrer sagen einem: Das gehört halt zum Erwachsenwerden, dass man sich mit den Realitäten des Lebens auseinandersetzt. Und Literatur konfrontiert einen, in Geschichten verpackt, mit den Konflikt­zonen des Lebens. Wer das nicht will, soll Kitschromane lesen. Alles richtig, aber sehr schade.

Trost findet man bei Alex Capus

Wahrscheinlich hat Max Frisch mit seinem «Stiller» 1954 so etwas wie den Startschuss für das Genre des «Ich muss mal weg, auch wenn ich nicht weiss, wa­rum»-Romans gegeben. Aus gutem Grund: Entfremdung ist nun mal ein Thema der Moderne. Die Selbstentfremdung und die meist vergebliche Suche nach einer Identität verläuft oft über den Umweg eines Bruchs mit dem bisherigen Leben. Alles andere schmeckt nach Arrangement mit dem Unglück. Besonders lebenszugewandte, erfolgreiche Männer findet man wenige in der Literatur. Romane erzählen meist vom Leben im Krisenmodus. Darum ist die Rede von «Waschlappen-Literatur» süffig, aber blöd. Denn unser bürgerliches, antiheroisches Zeitalter bietet den Männern keine männlichen Literaturabenteuer. Unsere Literatur ist nun mal so unspektakulär wie unsere Schweizer Biederkeit, so abgedämpft wie unsere Streitkultur, so effektlos wie unsere pragmatische Politik – und gerade deshalb grundehrlich. Nicht dass sie uns gelegentlich trotzdem ein versöhnliches Ende schenken würde. Dieses Geschenk betrachten wir jeweils mit erhöhter Skepsis (wer mag schon Kitsch?), bei gelungenen Büchern nehmen wir es aber gerne an. Da hatte zum Beispiel Peter Stamm, der ja ein Meister der melancholischen ­Lebensbetrachtung ist, in seinem Roman «Ungefähre Landschaft» mit seiner weiblichen Hauptfigur Kathrine eine zarte Emanzipationsgeschichte erfunden – nach jahrelanger Depression erreicht sie vorläufig sicheres Land in einer fragilen Beziehung.

Zum Trost seien zwei andere Beispiele der Gerechtigkeit halber erwähnt: Michael Kumpf­müllers grossartiger Roman «Die Erziehung des Mannes», der die Mannwerdung als Beziehungswesen durchdekliniert, und Alex Capus’ «Das Leben ist gut», in dem sich ein Mann als Familienmensch und als Freundschaftsmensch wohlfühlt – zwei verblüffende Bücher. Und wenn man Frauen zwei Männerbücher empfehlen dürfte: Lest Peter Stamm und Michael Kumpfmüller. Sie sind bestes Anschauungsmaterial für die Seelenlagen des Mannes als Fluchttier und als Beziehungswesen.