Literatur
«Weiss ist das neue N-Wort» - dieser kluge, witzige Roman stochert im Wespennest

Die deutsch-indische Kulturwissenschafterin Mithu Sanyal hat mit «Identitti» einen fulminanten Roman geschrieben um eine deutsche Professorin, die sich als Inderin ausgibt. Und verarbeitet damit gleich einen Stapel Sachbücher zu Gender, Antirassismus, Identitätspolitik und Cancel Culture.

Hansruedi Kugler
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Die Kulturwissenschafterin und Schriftstellerin Mithu Sanyal, hier zu Gast an der Frankfurter Buchmesse.

Die Kulturwissenschafterin und Schriftstellerin Mithu Sanyal, hier zu Gast an der Frankfurter Buchmesse.

Imago Stock&people / imago stock&people

Ihre Zuhörerinnen und Studenten aus der Fassung bringen, darauf läuft jeder Auftritt von Saraswati hinaus: «Okay, erst einmal alle Weissen raus!», lautet ihre Ansage bei Semesterbeginn. Auch als Leser ist man sofort fasziniert und gebannt von dieser provokativen Art. Zweck ihres Seminars an einer deutschen Uni ist nämlich die Selbstfindung der People of Colour und mixed-race in der Unübersichtlichkeit der Identitäten. Diese sind denn auch mehr als fasziniert, ja vergöttern sie. Saraswati, so nennt sich die Hauptfigur in Mithu Sanyals Roman.

Mithu Sanyal: Identitti. Roman. Hanser, 430 Seiten.

Mithu Sanyal: Identitti. Roman. Hanser, 430 Seiten.

Zvg / Aargauer Zeitung

Saraswati ist Star-Professorin für Cultural Studies und Postkoloniale Theorie. Sie lehrt in Düsseldorf und als antirassistische Ikone doziert sie im Sari. Aber als ihr Bruder, der als indischer Knabe in Saraswatis deutsche Familie adoptiert worden war, bekannt macht, dass sie als Sarah Vera und als weisse Deutsche geboren worden ist, also eine falsche Identität vorgespielt hat, bricht ein gewaltiger Shitstorm los. Sie hatte operativ ihre Haut verdunkelt und sich mit weiteren Schönheitseingriffen äusserlich in eine Inderin verwandelt – nun fällt sie tief.

«Weiss zu sein, heisst für immer Täter zu sein»

Was nun? Ihre kulturelle Aneignung als Rassismus oder Diebstahl anprangern? So wie im Roman auch Elvis Presley kritisiert wird, er habe den Schwarzen den Blues gestohlen? Aber schliesslich habe sie doch den jungen, verunsicherten People of Colour einen Weg aus ihrer Fremdbestimmtheit gezeigt, meint Saraswati gelassen. Hämische Tweets von der AfD und «Verrat» schreiende Studentinnen überschwemmen die sozialen Medien. Mithu Sanyal baut diese auch formal als Tweets und Blogs in ihren Roman ein. Es ist eine hysterische Kakophonie mit Liebesschwüren und Verfluchungen. Saraswati erklärt sich in der Folge in langen Dialogen und mit etwas gar viel Wiederholungen ihrem Bruder und der empörten und gekränkten Lieblingsstudentin Nevadita, einer Deutschen mit polnisch-indischer Abstammung.

Ihre paradox scheinende Pointe: «Weiss ist das neue N-Wort», sagt Saraswati sarkastisch. Denn Weisse hätten das N-Wort erfunden, um Menschen einer bestimmten Hautfarbe deren Menschenrechte abzusprechen. Weisse, die sich vom Konzept der «White Supremacy» abgestossen fühlten, «können sich nur mit Selbsthass davon abwenden. In diesem Konzept Weiss zu sein, heisst für immer Täter sein zu müssen.» Das wäre dann vergleichbar mit der Kollektivscham der Deutschen nach der Nazizeit. Deshalb habe sie für sich entschieden, indisch zu werden. Auch weil sie es satt hatte, in Deutschland der 1980er Jahre als Vegetarierin verspottet zu werden.

Sanyal will ihre Figuren aus dem Opfer-Täter-Schema befreien

Bis zu dieser krassen Pointe verfolgt man gebannt Wortgefechte über kulturelle Aneignung, rassistische Identitätspolitik, Heimat, Selbstverleugnung und Selbstfindung. Und man erfährt jede Menge: Etwa, dass erst die Briten in Indien Homosexualität per Gesetz verboten haben oder dass Haiti nach der Revolution 1804 mitkämpfende Deutsche und Polen zu Schwarzen erklärte. Sanyal verspottet charmant aber auch Rechthaberei von Antirassismus-Aktivisten und lässt Nevadita Selbstgespräche führen mit der indischen Göttin Kali, ihrem Vorbild sexueller Selbstermächtigung.

Vor allem hört man in diesem Roman eine sehr coole Intellektuelle, die sich gegen Fremdbestimmtheit und rigide Identitätsdefinitionen wendet: Saraswati setzt sich für ein liebevoll selbstbestimmtes, man muss wohl sagen postmodernes Spiel mit Herkunft und «race» ein. Was im aufgeheizten Antirassismus-Diskurs in den sozialen Medien und an der Uni für einigen Wirbel sorgt, aber natürlich in seiner Entspanntheit und Lebenszugewandtheit sympathisch wirkt. «Decolonize your soul» sei das Rezept, aus dem verhängnisvollen Opfer-Täter-Schema herauszukommen.
Alles komplett unrealistisch? Keineswegs: 2015 wurde die US-Kulturwissenschafterin Rachel Dolezal, die sich als Afroamerikanerin ausgegeben hatte, von der Presse als Weisse geoutet. Sie verlor ihren Lehrauftrag. Die folgenden, heftigen Diskussionen hätten sie zum Roman inspiriert, schreibt Mithu Sanyal im Nachwort ihres Romans.

Als Kulturwissenschafterin schrieb sie über Vulva und Vergewaltigung

Die 1971 geborene Mithu Sanyal mit polnisch-indischer Abstammung ist eine der interessantesten und originellsten Intellektuellen in Deutschland. Mit ihren beiden bisherigen Sachbüchern hat die Kulturwissenschafterin und Genderforscherin für Furore gesorgt: «Vulva» (2009), eine kulturgeschichtlich fundierte Feier der äusseren weiblichen Geschlechtsorgane und «Vergewaltigung» (2016), eine faszinierende, historische wie aktuelle Studie über unbewusste kulturelle Geschlechterstereotypie sexueller Gewalt.

Ihre Vorbilder fand sie aber nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in der Comedyszene, etwa beim britisch-pakistanischen Stand-up-Comedian Paul Chowdhry oder der britisch-iranischen Kabarettistin Shappi Khorsandi.

Der britisch-pakistanische Stand-up-Comedian Paul Chowdry.

In einem Interview sagte Mithu Sanyal dazu: «Sie gaben mir den Raum, auf Rassismus als ein merkwürdiges Phänomen zu schauen, und nicht als eine Struktur, die wahnsinnige Macht über mich hatte.» Den beiden Comedians zuzuschauen, lohnt sich deshalb umso mehr: Paul Chowdhry etwa auf youtube mit «white girls vs. brown girls», und Shappi Khorsandi auf youtube mit «Live in Soho». Deren makabre Lieblingsgags: «Mein Cousin Mohammed änderte seinen Namen zu: Ich war’s nicht!» oder: «Was, Du hast nur 15 Hasstweets?, sagte mir mein Vater, der Karikaturist ist, enttäuscht. Ich sei noch nicht so erfolgreich wie er. Nach der Revolution 1979 im Iran hätten Tausende auf den Strassen Teherans seinen Tod verlangt.»

Die britisch-iranische Kabarettistin Shappi Khorsandi.

Mithu Sanyals Romanstoff würde sich gut, vielleicht sogar noch besser als rasante Novelle oder als Theaterstück im Stil von Yasmina Reza mit einer Dialogschlacht eignen. Der Roman zieht sich etwas gar in die Länge. Wer sich aber mal mit einem super klugen Schleudergang durch die Themen Gender, Antirassismus, Identitätspolitik und Cancel Culture wirbeln lassen will, der lese unbedingt diesen Roman. Das lohnt sich mehrfach. Denn Mithu Sanyal hat die seltene Begabung, diese Themen in fabelhaften Dialogen und einer irrwitzigen Groteske so zuzuspitzen, dann man am Ende so viel gelernt hat wie aus einem Dutzend Sachbüchern.

Mithu Sanyal: Identitti. Roman. Hanser, 430 Seiten
empfehlenswert von derselben Autorin auch:
- Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts. Wagenbach, 252 Seiten.
- Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens. Edition Nautilus, 256 Seiten.

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