Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

LITERATUR: Utopie des Friedens, Schrecken des Kriegs

Claudio Magris schreibt im Roman «Verfahren eingestellt» über Schuld, Liebe und Verrat, geordnet in einem grotesken «Kriegsmuseum zum Zweck des Friedens».
Erika Achermann

Claudio Magris, der Kosmopolit, ist bekannt durch seine Bücher über seine Stadt Triest, die Ost- und Westeuropa umklammernde Donau sowie Studien über den Mythos des Vielvölkerhauses Habsburg und Essays zu Literatur, Moral und Politik. In seinem neuen Roman hat der 1939 Geborene die Utopie des Friedens im Blick.

Zunächst aber macht Magris den Krieg zum Thema, die Gräueltaten, die im einzigen Nazi-Vernichtungslager Italiens verübt wurden und über denen bis heute das Schweigen liegt. In der ehemaligen Reisfabrik Risiera di San Sabba wurden Partisanen, Antifaschisten und Juden ermordet. Zum Roman inspiriert hat Magris eine kurze Begegnung mit Diego de Henriquez, der bis 1974 in der Hafenstadt Triest lebte, ein gebildeter Mann, der Kriegsgerät sammelte, um damit ein Museum zur Abschreckung und als Zeichen für die Notwendigkeit des Friedens zu füllen.

Panorama der Gewaltgeschichte

Allerdings haben Episoden und Details im Buch kaum etwas mit der Figur des Sammlers zu tun. Der Autor hat sie zwar gefunden, aber dann als seine Romanfigur erfunden. Er hat sie bis in die reale Welt von heute geführt, in der Kriege weiterhin die Weltpolitik bestimmen und sich die Mafia mit blutigen Händen einmischt. Aufgefädelt in 53 Kapitel, hat Magris ein Panorama der Gewaltgeschichte den Museumsräumen zugeordnet: Gewalt in der Pflanzen-, Tier- und Menschenwelt, der Krieg auf den Schlachtfeldern und den Meeren, der Kalte Krieg und der Geschlechterkampf in den Betten.

Fiktiv ist auch die Figur der Luisa, die vom Sammler den Auftrag erhielt, das Waffenmuseum zu ordnen. Sie ist die Tochter einer Jüdin aus Triest und eines afroamerikanischen Soldaten. Was Magris dieser Tochter der Verfolgten und Opfer des Sklavenhandels zuschreibt, sind die versöhnlichen, liebevollsten Kapitel dieses unversöhnlichen Romans. Luisa erzählt von ihrer kindlich-verspielten Beziehung zu ihrem Vater, den Kopfreisen über die Meere und den Märchen mit ihren schrecklichen Gefahren und über die Liebe ihrer Eltern, die kurz nur dauerte, weil ihr Vater einem Unfall zum Opfer fiel. Man spürt die Leidenschaft von Claudio Magris für seine Figuren und die Literatur. Faszinierend wie auch verwirrend sind seine Abschweifungen in die Bibliothek der Weltliteratur, zu Joyce, Musil, Kafka, sein immenses geschichtliches und philosophisches Wissen bis hin zur Atomphysik. Magris schreibt von Triest aus an einem grossartigen Werk über das Welttheater von Liebe und Negativität.

Erika Achermann

focus@tagblatt.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.