Literatur
Thomas Duartes kometenhafter Aufstieg: Wie ein Schweizer Newcomer es bis in die Berliner Literatenszene schaffte

Mit seinem radikalen Debütroman «Was der Fall ist» erregt der Schweizer Autor Thomas Duarte grenzüberschreitendes Aufsehen.

Alfred Schlienger
Drucken
Teilen
Im Roman des Basler Schriftstellers Thomas Duarte geht es um das Ich, das System, ja um alles.

Im Roman des Basler Schriftstellers Thomas Duarte geht es um das Ich, das System, ja um alles.

Bild: Vera Husfeldt

Einen solchen Start erlebt man selten. Es ist, als würde dieser Erstlingsroman von einer dreistufigen Rakete in den Himmel des Bücherherbstes getragen.

Stufe 1

Die qualitätsbewusste Stiftung Studer/Ganz verleiht Thomas Duarte – bei 58 unveröffentlichten und anonymisiert eingesandten Manuskripten – den ersten Preis für das beste Debüt. Das Geniale am Förderpreis, der seit 2006 alle zwei Jahre verliehen wird: Neben dem Preisgeld von 5000 Franken garantiert er die Veröffentlichung in einem renommierten Schweizer Buchverlag, diesmal beim Basler Verlag Lenos.

Die wichtigste Hürde für den Start einer Schreibkarriere ist damit genommen. Coronabedingt musste die Preisverleihung um fast ein Jahr auf den 29. September verschoben werden. Ab dem 31. August liegt das vielfach schillernde Werk nun in den Buchhandlungen auf.

Stufe 2

Die neun ARD-Rundfunksender in Deutschland wählen den Erstling für ihr Radiofestival aus, wo es vom 30. August bis zum 3. September in fünf Lesungen, die gut einen Drittel des Buches umfassen, vorgestellt wird.

Stufe 3

Es geht Schlag auf Schlag: Der Schweizer Verband der Buchhändler und ­Verleger lädt am 31. August Thomas Duarte mit «Was der Fall ist» zu einer öffentlichen Präsentation von Schweizer Literatur nach Berlin ein. Schön viel Ehre für einen Schweizer Newcomer.

Ein nächtlicher Irrläufer redet sich um Kopf und Kragen

Worum geht’s in dem so hintersinnig klugen wie wunderbar schrägen Debüt? Die siebenköpfige Jury begründet es so: Duarte porträtiere «mit frohgemuter Verzweiflung die Absurdität der Lebens- und Arbeitsbedingungen in unserer kapitalistischen Konsumgesellschaft». Eine steile Formel, aber sie trifft:

Der namenlose Icherzähler, langjähriger Angestellter eines wohltätigen Vereins, stolpert nachts tropfnass in einen Polizeiposten, eigentlich nur, weil er Schutz vor dem fiesen Regen sucht. Oder doch nicht? Muss dieser ständig zwischen Verschüchterung und Auftrumpfen schwankende Mensch vielleicht doch etwas loswerden? Dem gutmütigen Beamten gegenübersitzend, redet er sich jedenfalls in dieser langen Nacht des Erzählens um Kopf und Kragen.

Ist doch etwas dran an der Verdächtigung, dass es bei der Vergabe der Unterstützungsgelder, für die der Pro­tagonist zuständig ist, nicht immer mit rechten Dingen zugeht? Warum plappert er vor dem Polizisten aus, dass er im fensterlosen Hinterzimmer seines Büros, wo er in klaustrophobischen Verhält­nissen haust, die migrantische Putzfrau Mira ohne Aufenthaltsbe­willigung untergebracht hat? Und was ist mit Ramón, dem bolivianischen Callboy und musikalischen Alles­könner, den Mira plötzlich anschleppt? Auch wenn am Schluss noch eine ­Pistole entsorgt werden muss: Das Kriminalistische ist eine spielerisch aufgebaute Staffage.

Es geht um viel mehr, es geht in dem sowohl das Ich wie die ganze Gesellschaft durch­forstenden Roman um die Schuld­haftigkeit und Verlorenheit unseres Daseins. Duartes Debüt ist ein hoch ironisch gebrochener Existenzialkrimi.

Nichts ist gewiss in dieser Welt, weder die Sprache noch das Denken, geschweige denn das Sehnen. Von allem kann auch das Gegenteil wahr sein. Paradoxien beherrschen das Sein. Täuschung ist die Substanz des Lebens. Die Sinnentleerung im bürokratischen Leerlauf feiert Urständ.

Thomas Duarte: Was der Fall ist. Lenos. 301 Seiten.

Thomas Duarte: Was der Fall ist. Lenos. 301 Seiten.

Bild: zvg

Thomas Duarte arbeitete nach dem Abbruch seines Philosophiestudiums über zwanzig Jahre als Sachbearbeiter in verschiedenen Bürojobs. Er kann aus dem Vollen schöpfen. Den ganzen alltäglichen Irrsinn schildert der Autor so nüchtern und hyperrealistisch, dass er unangestrengt ins Surreale kippt. Duarte – der einmal Meyer hiess, ehe er den Namen seiner Ex-Frau angenommen hat – verschreibt sich mit seiner Hauptfigur einem so melancholisch wie ironisch mitfühlenden Nihilismus.

Und hat man je skurrilere Sexszenen gelesen? Im unfreiwilligen Slapstick verheddern sich die Glieder ineinander wie Chaplin in seinen Liegestuhl. Da ist Begehren ein traurig lachhaft komisch Ding. Und doch existenziell.

Die staubtrockene, enge Bürowelt wird kontrastiert mit Ausflügen ins Weite, ins ganz und gar Andere. Wunderbar poetisch, wenn Mira vom Leben in den Zelten mit ihren nomadischen Grosseltern in der kasachischen Steppe berichtet, wo Winde und feinste sensorische Eindrücke plötzlich die stickige Büroluft auffrischen. Oder in all den kuriosen «Fällen» aus aller Welt, die der Icherzähler in seinen Unterstützungsgesuchen zu bearbeiten hat (und deren Entstehung hier nicht gespoilert werden darf), von Oaxaca in Mexiko über Nairobi bis nach Sumatra.

Nur das Erzählen hält das Leben zusammen

Es geht in dem Roman wirklich um alles: um das Ich und das System. Obsessiv dreht sich der Protagonist in Selbstbefragung um sich und gleichzeitig um die ganze Welt. Ängstlich will er sich die Welt eigentlich vom Leibe halten und versucht dennoch, sie sich auf andere Art gierig einzuverleiben. Welch eine Erfindung!

Mindestens so erfinderisch ist die Erzählsituation dieses verschrobenen Rechtfertigungsberichts. In seinem komplex verschachtelten Redeschwall bringt der schüchterne Bürolist wie aus einer Matroschka immer weitere Figuren ins Spiel, eine wunderlicher als die andere.

Gegen die Welt da draussen muss er das Erzählen in Gang halten. Das Leben besteht aus unverbundenen Fragmenten, und nur durch das Erzählen kann es zusammengehalten werden und bekommt vielleicht einen Sinn. Der Roman ist das Dokument eines existenziellen Coming-outs: Ich erzähle, also bin ich.

Thomas Duarte ist natürlich nicht der Erste, der in die scheinbar langweilige Welt der subalternen Angestellten hineinleuchtet. Urbild ist wohl Herman Melvilles «Bartleby, der Schreiber» aus dem Jahr 1853, und in der Motivik gibt es bei Duarte einzelne schöne Anklänge an diesen sanften Verweigerer.

Auch Wilhelm Genazino oder Italo Svevo haben sich ihnen lustvoll gewidmet. Und um die Ecke sind auch Robert Walser und Franz Kafka nicht weit. Das sind grosse Namen. Thomas Duarte reiht sich da würdig und ganz eigenständig ein. Er schafft dafür eine irrwitzig originelle Konzeption und findet für sie die präzise, so subtile wie radikale Sprache und Form.

Thomas Duarte: Was der Fall ist. Lenos. 301 Seiten.


Nachgefragt bei Thomas Duarte: «Ohne Scham wäre ich wohl CEO geworden»

Welches ist Ihr eigener Lieblingssatz in Ihrem Buch?

Thomas Duarte: «Kill your darlings» ist ja inzwischen ein Lieblingssatz fast jedes Künstlers und gehört darum selbst ge­strichen. Er hat aber ohne Zweifel eine gewisse Richtigkeit, und darum dürfte auch der folgende Satz gar nicht mehr in meinem Roman stehen: «Die eigenen Überzeugungen sind schliesslich dasjenige, was einen in der Fähigkeit, frei zu entscheiden, am meisten behindert.» Mein Dank geht an die Lektorin, dass sie ihn mir hat durchgehen lassen.

Für Ihre Hauptfigur sind Angst und Scham ein wiederkehrendes Thema. Was würden Sie selber tun, wenn es Angst und Scham überhaupt nicht gäbe?

Ein bisschen weniger davon wäre schön: Sich nicht so abhängig vom Wohlwollen der anderen zu fühlen. Vermutlich würde ich nicht schreiben, sondern wäre Unternehmer oder CEO. Ohne Scham würde man sich auch gar nicht in die Scham­losigkeiten stürzen wollen, die das Schreiben immer auch darstellt.

Sie sind einige Jahre als Tramchauffeur durch Basel gekurvt. Ein nervenaufreibender Job, stelle ich mir vor. Welche Erfahrung haben Sie davon mitgenommen?

Als sehr nervenaufreibend habe ich ihn gar nicht empfunden. In der Stadt und mit zwanzig Stundenkilometern hat man das Gefährt ganz gut unter Kontrolle. Das ist vielleicht auch schon die wichtigste Erfahrung: einmal die Kontrolle über eine so grosse Maschine zu haben. Und dann vielleicht die Gemeinschaft mit den anderen, die im öffentlichen Raum arbeiten, statt zu shoppen:

Man winkt den Polizisten zu, den Bauarbeitern, den Leuten von der Stadtreinigung, denen von der Se­curitas, den Handwerkern, den Briefträgern, und sie winken zurück. Übrigens scheint der Job ja eine poetische Qualität zu haben: Man kurvt also durch die Stadt, schaut sich von seinem Hochsitz aus und durch die Scheiben hindurch das Treiben an, hat den Überblick, nimmt Anteil daran und ist doch nicht ganz Teil davon. Aber es ist nur Ersatz für Literatur, zur Quelle oder zum Anstoss für Literatur wurde mir das nicht. (as)

Aktuelle Nachrichten