LITERATUR: Rettungsring im Holocaust

Eduardo Halfon ist in zwei Kulturen zu Hause: Lateinamerika und USA. In acht Rettungsgeschichten erinnert er an seinen polnisch-jüdischen Grossvater.

Geri Krebs
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Der Schriftsteller Eduardo Halfon. (Bild: Ulf Andersen/Getty Images)

Der Schriftsteller Eduardo Halfon. (Bild: Ulf Andersen/Getty Images)

Geri Krebs

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@tagblatt.ch

Für den 1971 in Guatemala-Stadt geborenen Eduardo Halfon trifft die Zuschreibung «lateinamerikanischer Schriftsteller» nur bedingt zu. Er schreibe zwar meist auf Spanisch, denke aber auf Englisch, charakterisiert der Autor, der 2008 mit dem Roman «Der polnische Boxer» international bekannt wurde, in einem Interview seine zweisprachliche Identität. Diese rührt daher, dass er 1981, auf dem Höhepunkt des Krieges in Guatemala, mit seinen Eltern in die USA auswanderte. Im Erwachsenenalter kehrte er wieder in sein Geburtsland zurück, lehrte während acht Jahren an der Universität in Guatemala-Stadt Literatur, lebt aber heute wieder in den USA.

Ein Ring verbindet den Holocaust mit New York

«Eine Geschichte wächst, häutet sich, vollführt einen Balanceakt auf dem Hochseil der Zeit, ist in Wirklichkeit viele Geschichten.» Es ist Halfons polnisch-jüdischer Grossvater, von dem der Ich-Erzähler in «Signor Hoffman», dem neuen Roman Halfons, sagt, diese Eigenschaft von Erzählungen rein intuitiv begriffen zu haben. Dabei ist das Etikett «Roman» für dieses irritierend vielfältig schillernde Buch so ungenau wie jene der kulturell-sprachlichen Zuschreibung für seinen Autor. Die Geschichte, von der hier die Rede ist, ist die eines Rings, den der Grossvater mütterlicherseits in bereits fortgeschrittenem Alter bei einem Überfall auf New Yorks Strassen als einziges Besitzstück hatte retten können. Es hatte für ihn hohen sentimentalen Wert, war es doch das erste, das er sich nach seiner Ankunft in New York 1945 gekauft hatte. Dieser Grossvater, in Lodz aufgewachsen, als Teenager von den Nazis ins KZ verschleppt, überlebte und wanderte nach Amerika aus. Dieser familiäre Hintergrund ist stets unterschwellig präsent, aber «Signor Hoffman» ist kein Roman über Eduardo Halfons Familiengeschichte, vielmehr eine Abfolge von acht Geschichten unterschiedlicher Länge. Dabei ist die Geschichte dieses Rings eine von mehreren, die in unterschiedlichen Versionen an verschiedenen Stellen im Buch auftaucht und im Kern davon handelt, dass der Grossvater immer wieder andere Gründe für die Rettung des Rings beim Überfall aufführt. Man kann die acht Geschichten in «Signor Hoffman» durchaus als Kapitel eines Romans bezeichnen. Doch die Tatsache, dass diese kürzlich erschienene deutsche Ausgabe im spanischen Original aus zwei 2014 und 2015 erschienenen Kurzgeschichtensammlungen sowie einem überarbeiteten Kapitel aus «Der polnische Boxer» geschaffen wurde, zeigt deutlich, wie fliessend für Eduardo Halfon «aus kleinen Geschichten grössere entstehen» – so der Autor im eingangs erwähnten Interview. Die Motive entwickeln sich dabei immer weiter: «Der polnische Boxer» war nämlich derjenige, der seinerzeit seinem Grossvater im KZ das Leben gerettet hatte.

Identität – spielerisch leicht aufgebrochen

Halfon folge den «Spuren seiner jüdischen Wurzeln», verspricht der Klappentext von «Signor Hoffman». Versucht man sich das bildlich vorzustellen, muss dieses Spurenfolgen eine eher mühsame Angelegenheit sein: Denn während Spuren sich für gewöhnlich auf der Oberfläche befinden, wachsen Wurzeln unterirdisch. Doch so schief ist dieses Sprachbild nicht, vielmehr charakterisiert es recht genau, mit welch spielerischer Leichtigkeit und sprachlicher Eleganz hier ein Autor der Brüchigkeit von Identität und den Fallstricken von Realitätsbeschreibung begegnet.