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LITERATUR: Morbides Kabarett am Skilift

Arno Camenisch ist der melancholisch-charismatische Popstar der Schweizer Literatur. Seinem Sound und seinen Themen bleibt er auch im neuen Roman «Der letzte Schnee» treu – schaurig komisch.
Hansruedi Kugler
Der Bündner Schriftsteller Arno Camenisch hat einen philosophischen Hang zum schwarzen Humor. (Bild: Janosch Abel)

Der Bündner Schriftsteller Arno Camenisch hat einen philosophischen Hang zum schwarzen Humor. (Bild: Janosch Abel)

Hansruedi Kugler

Da stehen die beiden am alten Bügellift, Paul und Georg, wie einst Wladimir und Estragon in Becketts «Warten auf Godot» und warten vergeblich – auf Skifahrer und auf Petrus, der den Schnee liefern soll. Tatsächlich sagt dann Georg auf der zweitletzten Seite des schmalen Romans: «Godo kommt nicht.» Was Paul mit einem «Wer?» quittiert. Bei Arno Camenisch ist das nicht einfach eine literarische Spielerei. Der Bündner Autor liebt das Absurde und die Tragikomik. Und in seinen Büchern wird viel geliebt und viel gestorben. Meistens auf groteske Art. Paul fällt zu allem eine Katastrophengeschichte ein: Ein Passant erinnert ihn an einen Tresorknacker im Dorf; bei der Revision des Skiliftmasten fällt ihm Marianne ein, die tot vom Dach ihres Dorflädelis fiel; vom Gletscherabbruch kommt er auf den liebeskranken Linus zu sprechen, der in einer Gletscherspalte erfror – und Pauls Sohn will kein «bitzeli recht tun», weder Schreiner noch Maurer werden, sondern Dichter, «stur wie Granit» sei der. Die Szenerie hat Camenisch seiner Biografie entlehnt.

Das Dorfleben also ist beim Bündner Autor wieder eine schaurig-komische Groteske, die so nebenher auch vom Niedergang berichtet: Die Schule abgebrannt, die Post und das Lädeli geschlossen, kein Dorfskirennen mehr, weil die Jungen abhauen.

Derart urchig und bildstark schreibt kaum ein anderer

In «Der letzte Schnee» bleiben die Erzähler Paul und Georg blasser als im Vorgänger «Die Kur», wo ein älteres Ehepaar nach der Pensionierung lustvoll gegen den Lebensüberdruss spöttelte – zugleich misanthropisch und versöhnlich. Aber Camenisch hat mit dem leer drehenden Skilift eine alpine Chiffre entdeckt für eine zermürbende, existenzielle Situation und ihre Komik. Man spürt Sisyphos, Godot, die ewige Wiederkehr des Immergleichen. Und doch haben Paul und Georg ein Gegenmittel zur Hand: Kägi­fret und Zigarettli, «der Tod kuriert uns vom Leben ... wenn alles vergebens ist, kann man auch ein Zigarettli rauchen». Nicht zufällig sind beide immerzu am Knabbern und über der Plauderei ist auch schon wieder Feierabend. Paul und Georg, beide über 60, stehen sowohl für den Stillstand wie für das Staunen über die groteske Welt. «Orapronobis», also bete für uns, «Cofferteckel», beginnt Pauls Monolog, der vom ordnungsliebenden Georg nur ab und zu unterbrochen wird.

Bündner Mundart verbindet sich hier elegant und sofort verständlich mit dem Schriftdeutschen: Petrus ist ein «Calöri», der den «khoga Nebel» verursacht. Und die Jungen wissen «afängs nicht mehr, was sie wollen». Eine Steilvorlage wäre das für ein abendfüllendes Kabarett, als makaber-lustige Alternative zum Cabaret Rotstift mit ihrem «Skilift»-Sketch. Denn mit so lakonischem Humor, derart urchig und bildstark schreibt auf so knappem Raum kaum ein anderer Schweizer Autor. Man mag einwenden, Camenisch sollte nach etlichen Büchern thematisch aus den Bergen ausbrechen. Vorderhand scheint ihm der Stoff jedoch nicht auszugehen. Seine tragikomische Melancholie bleibt pures Lesevergnügen.

Arno Camenisch: Der letzte Schnee. Engeler-Verlag, 99 S., Fr. 28.–

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