Literatur
«Vernichten»: Michel Houellebecq plaudert über seinen neuen Roman

Der neue Roman von Michel Houellebecq ist vorzeitig publik geworden. Der Starautor trug selbst dazu bei, dass «Vernichten», ab 11. Januar im Buchhandel, in Paris schon zur Festtagslektüre wurde. Es geht darin auch um den Präsidentschaftswahlkampf 2027.

Stefan Brändle/Paris
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Der französische Starautor Michel Houellebecq.

Der französische Starautor Michel Houellebecq.

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Alles war genaustens geregelt. In Frankreich sollte der neue Houellebecq «anéantir» am 7. Januar erscheinen, auf Deutsch am 11. Januar mit dem Titel «Vernichten». Der Pariser Verlag Flammarion konzipierte eine schlichte, geschmackvolle Hardcover-Version, der Houellebecq selber den Stempel aufdrückte: Der 65-jährige Literaturstar («Ausweitung der Kampfzone», «Elementarteilchen») soll das legendäre «weisse», unbeschriebene Beatles-Album als Ideenvorlage an eine Planungssitzung mitgebracht haben. Interviewtermine wählte er selber – einen einzigen. Die übrigen Pariser Journalisten spekulierten, der achte Houellebecq-Roman drehe sich um die Hacker- und Piraten-Thematik. Auf jeden Fall wurde in Paris zwei Tage vor Weihnachten bekannt, dass die Startauflage von 300 000 bereits gehackt worden sei. Im Umlauf ist eine billig gescannte Version, die nicht einmal die Qualität eines autorisierten PDF-Formats aufweist, wie Flammarion anmerkte. Ähnlich ergangen war es 2015 schon Houellebecqs Islamisierungs-Fiktion «Unterwerfung», erschienen wenige Tage vor dem mörderischen Attentat auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo.

«730 Seiten am Kaminfeuer. Danke Flammarion»

Neben der Raubkopie, wenn es denn eine war, hat aber wohl auch Flammarion zum neusten Houellebecq-Leak beigetragen. Der Pariser Verlag stellte nicht weniger als 600 Presseleuten und Zugewandten das Buch zu. Die per Beiblatt angesetzte Sperrfrist bis am 30. Dezember wirkte da schon fast naiv. Französische Blätter zitieren längst frohgemut aus dem Buch. Das Pariser Feiertagsspiel bestand darin, den PR-Plan für die Lancierung von «Vernichten» zu zerzausen, um nicht zu sagen zu vernichten. Einer der Happy Few frohlockte in den sozialen Medien: «Ich habe Covid, aber ich habe auch den letzten Houellebecq.»

Die ehemalige Gefährtin von Ex-Präsident François Hollande, Valérie Trierweiler, präsentiert auf Instagram stolz das Buchcover vor einem Flammendekor, gepaart mit dem Hinweis: «730 Seiten am Kaminfeuer. Danke Flammarion.» Ist das ironisch gemeint? Eine andere Stimme rechtfertigt sich im vornherein fürs Ausplaudern: «Wenn ich damit bis zum Ende des Embargos warte, was bleibt mir dann zu sagen?» Eine andere: «Ich lese ihn (den neuen Houellebecq) jetzt, denn Ende Januar wird es schon zu spät sein, sich darüber zu unterhalten.»

Das nette Paar wählt Marine Le Pen

Michel Thomas, wie Houellebecq bürgerlich heisst, empfing derweil einen Vertreter der Zeitung Le Monde in seinem funktionalen Schreibstudio im Pariser Chinatown des 13. Stadtbezirks. Er hebelte die Sperrfrist am Silvesterwochenende selber aus, indem er klarstellte, was die Pariser Medien nun auch gemerkt haben: «Vernichten» dreht sich nur am Rande um Deep Fake und Computerhacken. Houellebecq erzählt, wie er Le Monde sagte, die Geschichte des 47-jährigen Staatsbeamten Paul Raison und seiner ihm sexuell entfremdeten Frau Prudence – deren Name ist eine Anspielung auf das weisse Album der Beatles. Das Paar wählt Marine Le Pen. Pauls Vater liegt im Krankenhaus; die Geschichte ihrer Annäherung angesichts des Todes hält Le Monde für «stark und traurig», Libération für «superb».

Schlüsselroman mit dem heutigen Wirtschaftsminister

Die Kulisse der Handlung bildet laut den Pariser Medienbeiträgen die französische Präsidentschaftswahl – allerdings nicht oder nur indirekt die von April 2022. Sondern die von 2027, das heisst nach Ablauf der zweiten fünfjährigen Amtszeit eines Staatschefs, dessen Name nie fällt. Emmanuel Macron, denn um ihn handelt es sich selbstverständlich, kann nach zwei Mandaten nicht mehr antreten. Der Hauptkandidat ist nun ein gewisser «Bruno Juge», den Le Monde mühelos als den heutigen Wirtschaftsminister Bruno Le Maire outet. Tout-Paris weiss: Der Minister ist im wirklichen Leben mit Houellebecq befreundet. Er hatte 2011 ein paar Zollformalitäten bereinigt, als der Schriftsteller die sterbliche Hülle seines verstorbenen Hundes von Irland nach Frankreich zurückführen wollte.

Emmanuel Macron wird als zynische Figur geschildert

Die Autofiktion mit einem Hund sorgt in den Pariser Foren nicht nur deshalb für Staunen, weil das sympathische Paar in «Vernichten» Le Pen wählt. Während Macron als zynisch-narzisstische Figur geschildert wird, kommt der nicht minder technokratisch veranlagte Macron-Minister Le Maire bei Houellebecq als fleissig, hochbegabt und ethisch sauber weg, kurz als «guter Typ». Die Nackenhaare sträuben sich nur noch jenen Houellebecq-Puristen, die bis heute nicht verstanden haben, dass sich hinter dem Berufsprovokateur eine gute Seele verbirgt. Fast scheu spricht der Skandalautor gegenüber dem Le Monde-Journalisten Jean Birnbaum über Kinderglück als Mittel gegen die Todesangst. «Nicht das Böse, sondern die Versuchung des Guten» bilde seinen literarischen Antrieb, gesteht der angebliche Nihilist. «In meinen Büchern versteht man wie in Andersens Märchen sofort, wer die Bösen sind und wer die Guten. In ‹Vernichten› hat es nur noch wenig Böse. Mein grösster Erfolg wäre es, wenn ich einmal gar keine Bösen mehr beschreiben würde.»

Michel Houellebecq: Vernichtung. Roman. Dumont, 600 Seiten. Im Buchhandel ab 11. Januar.

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