Literatur
Löschen, löschen, löschen: Hanna Bervoets doppelbödiger Roman über Internetcleaner

Zu selten erzählen Romane, wie die Arbeitsrealität Menschen deformiert. Die junge niederländische Schriftstellerin Hanna Bervoets legt einen beunruhigenden, gut recherchierten Roman vor, der von der Paranoia von jenen erzählt, die Internetmüll löschen müssen.

Hansruedi Kugler
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Schwer zu verdauen: Überprüfung von Internetmüll.

Schwer zu verdauen: Überprüfung von Internetmüll.

Bild: Keystone

Wenn Arbeitskollegen nach wenigen Monaten Flat-Earth-Anhänger werden und den Holocaust leugnen, dann läuft wohl so ziemlich alles schief. Aber in welche Richtung schlägt der eigene Moralkompass aus, wenn man in einer Schicht 500 Verschwörungstheorien anhören, Vergewaltigungen und Enthauptungen anschauen muss? Und Flat-Earth-Theorien nicht löschen darf. Das ist die Arbeit von «Cleanern». Von ihnen erzählt die niederländische Schriftstellerin Hanna Bervoets in ihrem literarisch doppelbödigen und cleveren Roman «Dieser Beitrag wurde entfernt». Ein beunruhigendes Buch.

Aussergewöhnlich gut recherchierter Roman

Hanna Bervoets: Dieser Beitrag wurde gelöscht. Roman. Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten, Hanser Berlin, 112 S.

Hanna Bervoets: Dieser Beitrag wurde gelöscht. Roman. Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten, Hanser Berlin, 112 S.

Bild: Hanser

Jede Social Media Plattform hat Hunderte solcher «Cleaner» angestellt. Viele sitzen auf den Philippinen, wenige in Europa und den USA. Sie glotzen das Zeugs an, das Wirrköpfe, Terroristen und Perverse ins Netz stellen. Wie schützt man aber sein Gewissen und sein Weltbild gegen die Gehirnwäsche aus dem Internet? Das Feierabendbier mit den Arbeitskollegen hilft der Erzählerin Kayleigh in Bervoets Roman nur vordergründig. Wie sie das Erschrecken über die allmähliche Veränderung dieser «Cleaner» dramaturgisch aufbaut und in eine Liebesgeschichte aufnimmt, ist sehr clever gemacht. Diesen aussergewöhnlichen gut recherchierten Roman liest man am besten nochmals, um die dezent platzierten Warnsignale zu erkennen. Denn Kayleigh kann man nicht recht trauen, wenn sie einem Anwalt erklärt, warum sie aus dem Job ausgestiegen ist. Dass sie nicht als Zeugin auftreten will, wird erst am Ende angedeutet.

Keiner bleibt von dieser Gehirnwäsche unbeschadet

Hanna Bervoets.

Hanna Bervoets.

Bild: Klaas Hendrik Slump

Echt scheint vorerst ihr Entsetzen über die Kollegen, die allmählich jene Verschwörungstheorien glauben. Diese dürfen nicht gelöscht werden, weil sie ohne Gewalt auskommen. Kayleigh gibt sich lange als Person mit einem intakten Moralkompass aus. Aber sie lenkt damit auch davon ab, dass sie selbst ein Geheimnis versteckt. Ob diese Ablenkung absichtlich oder aus unbewusstem Selbstschutz geschieht, lässt der Roman offen. Aber man sollte als Leser schon teuflisch aufpassen, dass man ihr nicht auf den Leim kriecht. Denn man müsste sich ja denken, dass auch sie von dieser täglichen Gehirnwäsche nicht unbeschadet bleiben kann. Denn Gewaltvideos tun einer Liebe nicht besonders gut.

Hanna Bervoets: Dieser Beitrag wurde gelöscht. Roman. Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten, Hanser Berlin, 112 S.