LITERATUR: Lebensbuch und Weltbuch

Adolf Muschgs neues Buch ist wohl sein persönlichstes. «Der weisse Freitag» erzählt von Johann Wolfgang von Goethe – und dem Schweizer Autor selbst.

Hans-Dieter Fronz
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Schreiben zwischen Leben und Tod: Adolf Muschg. (Bild: PD)

Schreiben zwischen Leben und Tod: Adolf Muschg. (Bild: PD)

Hans-Dieter Fronz

focus@tagblatt.ch

Genau besehen ist «Der weisse Freitag», das neue Buch von Adolf Muschg, ein Zwitter. Es verschränkt zwei sehr unterschiedliche Erzählstränge miteinander, besser windet sie ineinander: die Beschreibung einer Gebirgswanderung und ein autobiographisches Lebensbild des Schriftstellers im Alter. Doch weil diese beiden Stränge thematisch vielfältig miteinander verwoben sind, ist das Ergebnis ein rundes, organisches Ganzes. Zu Beginn steigen fünf Bergwanderer einen verschneiten Hang hoch. Sie verschwinden immer wieder in «Schneewehen, die der beständige Wind über die ansteigende Fläche trieb». Erst am Ende des nicht ganz schmalen Bands haben sie die Passhöhe erreicht und machen sich auf der anderen Seite an den Abstieg.

Gefährliche Bergwanderung als Wette mit dem Schicksal

Ganz langsam zoomt sich das Buch, mit dem rhythmisch gesetzten Kontrapunkt der Passagen des zweiten Erzählstrangs, an die Fünfergruppe heran. Einer des Quintetts, die Ahnung wird nach und nach zur Gewissheit, ist Johann Wolfgang Goethe, zum Zeitpunkt der Erzählung noch nicht geadelt. Auch, dass der Ich-Erzähler der zweiten Geschichte Adolf Muschg ist, wird erst nach und nach deutlich.

«Eine Erzählung» nennt Muschg das Buch – ein Begriff, der tatsächlich den sehr unterschiedlichen Status beider Geschichten trifft. Denn diese «Erzählung» wechselt unablässig zwischen Fiktion und Faktizität, Imaginärem und Realem. Dürfen wir die autobiographischen Kapitel als dokumentarisch verstehen, driften die Goethe-Passagen wieder und wieder – etwa in Unterhaltungen zwischen Goethe und Carl August – ins erhellend Fiktive, glücklich Erfundene; auch wenn Fakten wie das Datum der Gebirgswanderung, der 12. November 1779, verbürgt sind.

Was beide Erzählstränge miteinander verbindet, ist eine existenzielle Situation. Goethes gefahrvolle Fusswanderung über die Furka durch Neuschnee im November auf seiner zweiten Schweizerreise – ein Spiel auf Leben und Tod, alle Warnungen hatte der Dichter in den Wind geschlagen – deutet Muschg als Wette mit seinem Schicksal. Auch Muschg selbst steht nach einer Krebs-Diagnose zwischen Leben und Tod. Davor hatte er sich bei einem Sturz eine Verletzung am Knie zugezogen, die eine Operation erforderlich machte. Ins Spital nahm er den «elften Band» von «Goethes Werken» – mit der Schilderung dieser Reise – mit: für ihn «vertrauter Boden» in fremder Umgebung, während seine Bettgenossen über Fernsehen oder Smartphone Kontakt zur Aussenwelt hielten.

Gleichzeitig geht es in beiden Erzählsträngen um Selbst- und Sinnfindung. So wie die Möglichkeit des Todes Muschg zu der Frage führt, wer er und was sein Leben eigentlich sei, hatte er die Reise des Dichters in einem Büchlein schon einmal als «Versuch, leben zu lernen» beschrieben. Im neuen Buch lesen jetzt wir über Goethe: «Er war gut für alle und alles, aber wer war er?»

Mannigfach greift die Erzählung von der Gebirgswanderung ins Vergangene und Künftige seines Lebens aus. In Weimar waltet der «abgebrochene Advokat und weit beschriene» junge Dichter als ein Hansdampf in allen Gassen. Geheimer Rat ist er nicht nur, sondern «Planetentanzmeister» (ein Event-Manager), «Seelenhüter» der Herzogsgattin und «Haremswächter». Böse Zungen dichten ihm freilich selbst eine Liaison mit der Gattin oder gar mit der Mutter des Herzogs an.

Ein Wendepunkt seines Lebens

Immer wieder fliessen Muschgs einfühlsamer Beschreibungsvirtuosität derlei prägnante Formulierungen in die Feder. Für Muschg stellt die Furka-Überquerung einen Wendepunkt seines Lebens dar. Es ist noch ein weiter Weg für Goethe zum «Vorbild der Kultur», zu dem ihn dann bereits die Zeitgenossen adeln. Insofern er sich jedoch als exemplarischer Mensch der abendländisch-neuzeitlichen Kultur darstellt, ist Muschgs wunderbares, tiefsinniges und existenziell unterfüttertes Goethe-Buch gleichzeitig auch eines über unsere Gegenwart, als Lebensbuch und Weltbuch.

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