LITERATUR: Koffer voller Erinnerungen

Für ihren Roman «immehr» war Henriette Vasarhelyi für den Schweizer Buchpreis nominiert. Am 15. März liest die Autorin in St. Gallen aus ihrem neuen Roman.

Erika Achermann
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Die Schriftstellerin Henriette Vasarhelyi. (Bild: Privat)

Die Schriftstellerin Henriette Vasarhelyi. (Bild: Privat)

Erika Achermann

focus@tagblatt.ch

«Seit ich fort bin» beginnt mit einem betörenden Bild, das man nicht vergessen wird. Mirjam packt ihren Koffer. Sie nimmt ein Foto vom Schwarzen Meer mit auf die Reise und viele «andere Dinge, die aus dem Koffer herausquollen und mich begleiten wollten.» Sie schichtet und schichtet die Dinge übereinander. Auch den roten Bauernschrank. Man hält inne. Das kann nicht wirklich sein, ist surreal. Doch auch Henriette Vasarhelys Name täuscht. Sie ist keine Ungarin, sondern 1977 in Ostberlin geboren und in Mecklenburg aufgewachsen. Sie hat am Leipziger Literaturinstitut studiert und in Bern ein Masterstudium in Contemporary Arts Practice absolviert. Seit sechs Jahren lebt sie mit ihrer Familie in Biel.

Das Gefühl des Fremdseins, erklärt sie im Gespräch beim Kaffee in Zürich, sei nicht unangenehm. In der Anonymität zu leben bedeute, nicht eingeordnet zu werden. In «Seit ich fort bin» ist es ein zugleich ‹fremder› als auch naher Blick, den sie auf Menschen wirft, die an den Rändern Europas leben. Manches sei autobiografisch, sagt sie, anderes Fiktion. Und es ist kein Zufall, dass sie dem Buch ein Zitat von Uwe Johnson voranstellt, denn sie ist in derselben norddeutschen Landschaft aufgewachsen: «Aber die Erfahrung sollte nicht verkleinert werden durch die Tricks der Erinnerung. Es gibt da auch Dinge, die der Regen nicht abwäscht.»

Kann man seine eigenen Erinnerungen in einen Koffer packen, ihnen trauen? Wie verändern sie sich mit den Jahren? Manchmal sei es schwer vorstellbar, «dass das, was man erinnert, das eigene Leben ist», meint Vasarhelyi. Deshalb hat sie ihre Protagonistin Mirjam, die in Prag lebt, auf den Weg geschickt in die nähere Vergangenheit. Zunächst zur Hochzeit des Bruders Karl mit Luminitza, der Romni aus Siebenbürgen. Natürlich ist da die ganze Familie anwesend und mit jeder Person verbindet sich eine Geschichte. Da drängen sich Gefühle auf, mit denen sie in der DDR aufgewachsen ist, und der Gedanke, dass «Heimat der immerwährende Blick in den Rückspiegel» ist.

Leben auf fragilem Boden

Zwei Geschichten, die Vasarhelyi erzählt, sind besonders eindrücklich. Jene von Mirjams Freundin Anis, die aus dem Leben aussteigen will. Und jene des Flüchtlings Obren, der hinein ins Leben will, der den Kriegsdienst in Serbien verweigerte, als die Nato-Bomben auf Belgrad fielen. Mit ihm ist sie in der Gegenwart angelangt. Er erinnert an die Flüchtlinge von heute. Alle sind sie Gefangene der Geschichte, ihrer Verfehlungen, ihrer Vorurteile.

Wie schon im ersten Roman setzt Vasarhelyi Mosaiksteinchen zusammen, die man beim fortschreitenden Lesen selber zusammensetzen muss. Das wirkt zunächst ein wenig sperrig, doch so erinnert man sich: in Bruchstücken. Mit liebevoller Sorgfalt behandelt sie ihre Figuren. Gibt es ein Vorbild? Ja, Uwe Johnson. Sie frage sich immer wieder, wie er die heutige Zeit erlebt hätte, wie er auf sie reagiert hätte? Mirjam erinnert sich ostwärts und balkanabwärts bis ans Schwarze Meer, feiert mit ihren Freunden, tanzt trunken von Alkohol, übernimmt aber auch Verantwortung. Henriette Vasarhelyi, klar wissend, dass ihre Figuren auf ungesichertem Boden leben, packt die Erinnerungen in einen übervollen Koffer voll Leben und Poesie.

Lesung am Mittwoch, 15.3., 19 Uhr, Raum für Literatur, Hauptpost St. Gallen