Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

«Literatur ist realistischer als ein Film»: Julia von Lucadous dystopisches Debüt

Julia von Lucadou treibt in «Die Hochhausspringerin» Datenwahn und Leistungsbereitschaft auf die Spitze. Mit dem Roman ist sie für den Schweizer Buchpreis nominiert.
Anne-Sophie Scholl
«Die Literatur evoziert offene Bilder, es findet ein Dialog mit den Lesern statt»: Julia von Lucadou.

«Die Literatur evoziert offene Bilder, es findet ein Dialog mit den Lesern statt»: Julia von Lucadou.

Sie habe eine Faszination für die Ästhetik der Turm- und Synchronspringerinnen, die sich im kurzen Moment ihres Sprunges zeigt. Aber auch für das Basejumping, das so viele junge Leute in Bann ziehe, obwohl oder gerade weil es mit dem Tod, dem Adrenalinschock und der Risikobereitschaft verbunden ist – die Communities würden im Internet Todeslisten führen.

Aus der Kombination beider Sportarten sei die Figur der Hochhausspringerin gewachsen, die Julia von Lucadous Debüt den Titel gibt. «Ich habe erst im Nachhinein gemerkt, wie gut diese Disziplin zu der Gesellschaft in meinem Buch passt», sagt die Autorin. Eine Gesellschaft, die sich ganz der Hochglanzästhetik verschrieben hat. Zugleich aber auch eine harte Welt, in der die Menschen permanent mit der Möglichkeit des Absturzes konfrontiert sind.

Freiheit der Literatur

Julia von Lucadou erzählt in ihrem Debüt von Riva, die sich mit Disziplin und Körperoptimierung zum Status eines Stars hochgearbeitet hat. Von einem Tag auf den anderen entschliesst sie sich aber, das Hochhausspringen aufzugeben. Sie bleibt in ihrer Luxuswohnung auf dem Boden sitzen, blickt teilnahmslos vor sich hin und spielt mit einen Kreisel. Wir sehen sie durch den Blick von Hitomi Yoshida, die eigentliche Hauptfigur des Buches. Diese ist Wirtschaftspsychologin und arbeitet bei einer Firma namens PsySolutions. Sie soll Riva wieder funktionstüchtig machen. Die Zeit läuft. Macht sie keine Fortschritte, drohen die Investoren abzuspringen. «Burnout» als Diagnose ist für den Marktwert fatal.

Julia von Lucadou kommt ursprünglich vom Film. Sie hat in Vancouver als Regieassistentin gearbeitet, später kam die heute 36-Jährige nach Deutschland zurück und arbeitete als Redaktorin. Die Filmwelt sei sehr zeitintensiv, man sei schlecht bezahlt und arbeite rund um die Uhr, erzählt sie am Telefon aus Bonn, wo sie derzeit im Rahmen eines Residenzstipendiums lebt. In der Literatur sei man nicht im gleichen Mass in den Produktionsmarkt eingebunden. «Man hat mehr Freiheiten und kann sich intensiver mit der Welt auseinandersetzen.» Die Welt, das war in diesem Fall die Leistungsindustrie, die sie vom Film kennt: der hohe Druck, die Fixierung auf die Arbeit, das kaum existierende Privatleben.

Freiheit bietet ihr die Literatur aber auch formal. «Ein Film macht klare Vorgaben. Die Literatur dagegen evoziert Bilder, die offen sind. Es findet ein viel stärkerer Dialog mit dem Leser statt». Zudem verspreche gerade der dokumentarische Film, wo sie zuletzt tätig war, eine Authentizität, die es gar nicht gebe. «Im Dokumentarfilm wählt man Ausschnitte der Realität aus und setzt sie neu zusammen. Das ist eine grosse Manipulation, die sich jedoch als naturalistisch darstellt.» In der Literatur könne sie überspitzen, verdichten, formen. So sei sie letztlich näher an der Realität dran.

Kontrolle und Überwachung

In unserer heutigen Welt gibt es keine Celebrities, die von spiegelnden Hochhäusern aus Glas und Stahl springen. Und doch sagt Julia von Lucadou:

«In meinem Roman geht es mir vor allem um die Gegenwart.»

Sie mag den Begriff «speculative fiction», den ihr Idol, die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood geprägt hat. Deren berühmte Dystopie «The Handmaid’s Tale» («Der Report der Magd») findet Eingang in von Lucadous Roman. Ihre Frauen sind zwangssterilisiert, Kinder wachsen von ihren «Bioeltern» getrennt in Heimen auf, damit die Eltern arbeiten können, noch besser sind sogenannte «Breeder-Babies».

Das Hauptaugenmerk von Julia von Lucadous Roman liegt auf der totalen Datentransparenz und der damit einhergehenden Kontrolle.

Hitomi – der Name ist japanisch und bedeutet «Pupille» – sitzt praktisch die ganze Zeit vor dem Bildschirm und überwacht Riva über versteckte Kameras, Ton, Echtzeitauswertung von Biodaten oder die Entschlüsselung von Dateien, ohne dass diese davon weiss. Aber auch alles über Hitomi wird registriert – ihre Schlaffrequenz, ihre Mindfulness-Scores oder ihre Dating-Fortschritte mit Partnern, die ihr in sorgfältiger Abstimmung der Daten vorgeschlagen werden. Und natürlich werden auch wir als Leser zu allwissenden Voyeuren. Und wer beobachtet uns?

Julia von Lucadou: «Die Hochhausspringerin», Hanser, S.288. Fr. 28.-

Julia von Lucadou: «Die Hochhausspringerin», Hanser, S.288. Fr. 28.-

Kontrolle durch Internetgiganten

Der Roman zeichnet präzis und plausibel nach, wie sich Hitomi fremdsteuern lässt – nicht nur von ihrem Vorgesetzten, auch von Riva, jedoch ohne die Fähigkeit, das zu reflektieren. Julia von Lucadou lacht. Ja, ihre Eltern seien beide Psychologen. Schon als Kind habe sie deren Fachbücher im Haus mit grossem Interesse gelesen. «Ich wollte eine Figur zeichnen, die das Leistungsprimat verinnerlicht». Aber auch der Machtmissbrauch und die Manipulation durch Internetgiganten wie Facebook und Google hat sie interessiert. Seit dem Skandal von Cambridge Analytica wisse man heute mehr darüber, aber es gebe Hunderte solcher Beispiele. Als sie den Roman zu schreiben begann, hatte sie von psychologischen Experimenten gelesen, die Facebook 2012 durchführte, um Nutzer über deren Emotionen zu steuern.

Jede Dystopie spricht auch über Utopien, sagt man. Tut sie das auch? Absolut, findet von Lucadou.

«In der Dystopie steckt der Gegenentwurf immer mit drin.»

In ihrem Roman scheint die Sehnsucht nach dem Zwischenmenschlichen, nach Freundschaft und Liebe auf. Trotzdem kann die Autorin der dystopischen Realität auch Positives abgewinnen. Im Buch gibt es beispielsweise einen «Mutterbot», ein Sprachroboter, der Mut zuspricht. «Das ist nicht nur unheimlich. Artificial Intelligence ist Teil der menschlichen Evolution. In der Pflege ist diese Technologie durchaus nützlich».

Aber: «Wir müssen uns bewusst sein, wie viel wir preisgeben», sagt Julia von Lucadou. Jetzt noch gebe es die Chance, klare Regulierungen durchzusetzen. Ihr Roman besticht mit seiner kühlen Eleganz und beängstigt mit seiner kalten Kontrolle. Die Nähe zur heutigen Realität geht unter die Haut.

Weitere Artikel zum Schweizer Buchpreis 2018:

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.