LITERATUR: In fremden Welten schnabeln

Die Schweizer Autorin Fanny Wobmann erzählt von einer Frau, die in einen Strudel merkwürdiger ­Beziehungen gerät. «Am Meer dieses Licht» ist ein Roman voller Abgründe, Humor und Poesie.

Charles Linsmayer
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Theaterfrau, Soziologin, Schriftstellerin: Fanny Wobmann bewegt sich in verschiedenen Sparten. (Bild: PD)

Theaterfrau, Soziologin, Schriftstellerin: Fanny Wobmann bewegt sich in verschiedenen Sparten. (Bild: PD)

Charles Linsmayer

Sie heisst Laura, ist um die dreissig, und wir lernen sie im Spital von La Chaux-de-Fonds kennen, wo sie viele Stunden im Zimmer von Madame Favre, ihrer Grossmutter, verbringt, mit ihr spricht, ihr zuhört und an ihrem lang­samen Kräfteverlust teilnimmt. Und es ist lange nicht klar, warum Laura so viel Zeit mit der alten Frau verbringt, während ihre Sehnsucht, wie der Titel «Am Meer dieses Licht» ahnen lässt, doch der Ferne und Weite gilt.

Der kleine, von Lis Künzli souverän ins Deutsche übersetzte Roman heisst auf Französisch «Nues dans un verre d’eau», erschien 2017 in Paris und ist das zweite Buch der 1984 in La Chaux-de-Fonds geborenen studierten Soziologin. Einer Autorin, die man sich merken sollte.

Ein Kind vom Mann am Meer

Es ist diese Laura nämlich bei aller Nüchternheit ihrer Beschreibung eine ganz und gar ungewöhnliche Figur. Ja, es gibt Szenen, die gut am Ufer von Algier spielen könnten, wo Camus seinen Meursault in «Der Fremde» die Absurdität des Daseins spüren liess. Zwischendurch hält Laura sich nämlich in England auf und lernt da am Meer einen Mann kennen, von dem sie, auch wenn er eigentlich nichts von ihr wissen will, auf eine unerklärliche Weise so sehr fasziniert ist, dass sie am Ende ein Kind von ihm erwartet. Auch mit Hillary, bei der sie Englischstunden nimmt, gerät sie in eine körperliche Beziehung, und man muss den Hang, Grenzen zu überschreiten, in Rechnung stellen, wenn man ihr Wesen verstehen will. Ratlos wäre ein Wort dafür, auch ziellos, und sicher auch entwaffnend. Und allmählich dämmert einem, dass diese Laura so sehr in ihrer Einsamkeit verloren ist, dass sie sich nach Kontakten, nach Berührung sehnt, wo immer sie sie bekommen kann. «Ich bin wie der Schwan», sagt sie einmal. «Ich stecke meinen Schnabel in alle diese Welten, die nicht meine sind, in den Teich geworfen mit dem Geräusch von Zeit, die vergeht, von Menschen, die sich flüchtig berühren.» Nicht nur der englische Geliebte, nicht nur die kuriose Hillary, auch die Grossmutter, deren Sterben sie miterlebt, gehören zu diesen Welten, «die nicht die meine sind» und denen sie dennoch auf unerklärliche Weise verfallen ist.

Die Stille bringt die ­ Scheiben zum Bersten

Sie ist schwer zu fassen, diese junge Frau, aber das Buch, in das sie wie zufällig hineingestellt zu sein scheint, ist in der Melancholie seiner Stimmungen und in der Umsetzung seiner Trostlosigkeit in elementare Bilder von zwingender Kraft. Wie diese Madame Favre ins Getriebe des Pflege­systems gerät, ist ebenso eine versteckte Tragödie wie das Erleben der Frau, die von dem ungewollten Kind sagt: «Ich weiss nicht, wie es zu tragen ist. Ich trage es einfach, das ist alles, ich habe keine andere Wahl.» Bei Hillarys Freunden ist in der Küche alles «so hübsch an seinem Platz, als wären die Gegenstände zuerst platziert und das Haus danach um sie herum gebaut worden», und wenn Lauras englischer Geliebter spricht, sieht es aus, «als pflücke er die Wörter, bevor sie reif sind». Doch, ja, es gibt auch Lustiges in dem Buch, und nur ganz selten wird erkennbar, dass sich unter all dem scheinbar gut Eingerichteten dieser Welt ein Abgrund auftut, den vielleicht nur diese Laura in ihrer Verlorenheit zu erahnen vermag. Da etwa, wo die Götter in Weiss um Leben und Sterben von Madame Favre gefeilscht haben und es heisst: «Hinter den weissen Silhouetten schliesst sich die Tür mit solcher Behutsamkeit, dass mir scheint, die Stille werde nie mehr aufhören, die Scheiben zum Bersten zu bringen.»