LITERATUR: Glücklich ist vielleicht zu viel

Zsuzsa Bánk hat sich Zeit gelassen für ihren neuen Roman: einen Mailwechsel zweier Frauen in der Lebensmitte, auf die Minute genau festgehalten – um uns Stunde um Stunde vergessen zu lassen.

Bettina Kugler
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Bettina Kugler

bettina.kugler@tagblatt.ch

«Die hellen Tage» liegen schon eine Weile zurück. Sechs Jahre sind seit Zsuzsa Bánks zuletzt erschienenem Roman vergangen; zu den märchenhaften sieben, die es braucht, bis der Held reif ist, seinen Weg zu gehen und sein Glück zu machen, fehlt also nicht viel. Von der Glückshaut ist denn auch oft die Rede zwischen Johanna und Márta, den beiden Frauen Anfang vierzig, die in «Schlafen werden wir später» frühmorgens, spätabends oder nachts, zuweilen auch in kleinen Fluchten zwischendurch lange Mails schreiben. Sie scheint ihnen abhanden gekommen zu sein; schutzlos sehen sie sich den Zumutungen der Gegenwart und den Gespenstern der Vergangenheit ausgesetzt.

Ein Buch will nicht fertig werden

Die Lebensmitte macht sich bemerkbar und mit ihr die Einsicht, dass nicht mehr alle Türen offen stehen, die umso heftigere Sehnsucht nach erfüllten, leuchtenden Tagen ebenfalls. Für die erfundene Korrespondenz hat sich die 1967 geborene Autorin mit ungarischen Wurzeln viel Zeit genommen; überhaupt ist Zsuzsa Bánk keine Schnellschreiberin und keine, die schnell und schmerzlos gelesen werden will.

Márta, Lyrikerin und Mutter dreier kleiner Kinder, ringt in ihrer Frankfurter Parterrewohnung mit dem Manuskript eines geplanten Prosabandes; in hörbarer Anspielung an Virginia Woolf soll er, wenn er denn jemals fertig werden wird, «Das andere Zimmer» heissen. Johanna, die beste Freundin aus Kindertagen, trauert in einem geerbten kleinen Haus im Schwarzwald ihrer gescheiterten Beziehung nach. Ihr Partner Markus hat sie nach fünfzehn Jahren und einer vorläufig erfolgreichen Brustkrebstherapie wegen einer anderen Frau verlassen. Kinder hat Johanna keine – nur Schüler: Gymnasiasten, die wenig Sinn für die Grammatik der Nebensätze, für Futur I und II oder die Naturlyrik des 19. Jahrhunderts zeigen.

Innige Gesprächspartnerinnen sind ihr zum einen Márta, zum anderen die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, über deren Naturverhältnis Johanna eine Doktorarbeit schreibt. Nicht zufällig gibt es auch viele Anknüpfungspunkte und biografische Parallelen zur Droste: die Ehe- und Kinderlosigkeit, die fragile Gesundheit; die Liebe zur Natur, die Verwurzelung im Glauben, das klare, präzise Denken. In einer Fülle von beiläufig eingestreuten Zitaten ist sie im Mailwechsel der beiden Frauen gegenwärtig – darüber hinaus etliche Dichter und Schriftsteller.

Was der einen fehlt, davon hat die andere genug

Das prägt auch den Schreibstil der Freundinnen. Zwischen tiefbetrübt und himmelhochjauchzend schwingt er aus, verlässt die Alltagsprosa, zieht in Innenräume eines uneingeschränkt vertraulichen Umgangs. Man mag das zuweilen «zuckrig» finden, sentimental und tränenselig, ziellos, verliebt in die Musik der eigenen Sprache. Der lang erwartete neue Roman polarisiert; neben hymnischen Kritiken hat Zsuzsa Bánk auch Häme dafür einstecken müssen. Tatsächlich klagen Johanna und Márta ausgiebig und hemmungslos, in Wiederholungsschleifen, wortschöpferisch, innig aufeinander bezogen. Was der einen fehlt, davon hat die andere zu viel: Zeit und Raum für sich allein.

Kritisch überprüfen die Frauen ihre jeweiligen Lebensentwürfe; sie erkennen dabei vor allem, wie vieles sich ohne grosses Zutun ergeben hat, im Guten und im weniger Guten. Wie eine Kompensation alles dessen, was sie entbehren und was sie belastet, erscheint da der Ton, in dem sie es sich von der Seele schreiben, zumeist ausgehend vom Alltag, aus dem sie sich gerade geschlichen haben. Die Mails sind rettende Inseln; ihre Sprache trägt sie zuverlässig dorthin, mal flatterhaft übermütig, mal mäandernd oder auf hohen Wogen.

Etwas mehr als drei Jahre geht das so; über Hunderte von Seiten hinweg scheint wenig mit ihnen zu passieren. Die grossen, dramatischen Ereignisse liegen entweder hinter ihnen, sie geschehen nebenbei oder im Hintergrund. Das erfordert Geduld beim Lesen und die Bereitschaft, tief einzutauchen in das Leben zweier Frauen. So tief, dass das eigene Leben warten kann. Das Schlafen erst recht.