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LITERATUR: «Gibt es eine Aufrichtigkeit ohne Tat?»

Hans Pleschinski vertieft sich in seinem neuen Roman in Leben und Werk des deutschen Dramatikers Gerhart Hauptmann. Ein genialer wie widersprüchlicher Charakter, der sich mit den Nazis arrangierte und selbst im Krieg gut lebte.

Hans Pleschinski liebt die Giganten der deutschen Literatur. Im Roman «Königsallee», erschienen 2013, stellte er sich vor, wie Thomas Mann an der Düsseldorfer Prachtstrasse seine Jugendliebe wiedertrifft. Im neuen Roman «Wiesenstein» vertieft sich Pleschinski nahe an den Fakten in das Werk und den widerspruchsvollen Charakter Gerhart Hauptmanns. Dessen Villa Wiesenstein im schlesischen Hirschberger Tal, das heute in Polen nahe der Grenze zu Sachsen liegt, ist stille Hauptfigur des 550-Seiten-Wälzers. Ist Insel im Sturm der Jahre 1945 und 1946 und Ort der geistigen, vor allem literarischen Auseinandersetzung mit einer Welt in Scherben.

Im März 1945 reist der 83-jährige Hauptmann, kaum von einer Lungenentzündung genesen, mit Sondergenehmigung der Gau­leitung im Sanitätstransporter durch das zerstörte Dresden. «Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Untergang Dresdens» – es ist Hauptmann, auf den dieser vielzitierte Satz zurückgeht. Plastisch, karg, mit wenigen, perfekt sitzenden Pinselstrichen, zeichnet Pleschinski die Lebenssituation der Menschen. Ein kurzer Satz hier, eine aufgeschnappte Wendung dort genügt ihm, um die Atmosphäre der Zeit zu zeichnen. Da denkt der Stabsgefreite, dass wohl «nur noch 60 Prozent der Deutschen» für die Nazis stimmen würden, da berichtet ein Lokführer angesichts von Häftlingen, die Verteidigungsgraben schaufeln, «man fuhr so manchen Transport, zwangsläufig».

Auch Gerhart Hauptmann hat sich gut mit den Nazis arrangiert – ein weiteres grosses Thema des Buches. «Ich war immer lau in öffentlichen Dingen», sagt Hauptmann. Und schreibt an die Wand des Schlafzimmers: «Gibt es eine Aufrichtigkeit ohne Tat?» In Gedanken mag er integer gewesen sein, in der Praxis aber liebte er die Privilegien, die Ruhe zum Schaffen, das gute Essen und den Alkohol.

Vor der Haustür das Chaos, drinnen die Ruhe

Ohne ein abschliessendes Urteil zu fällen, zeichnet Hans Pleschinski Hauptmann als An-sich-Zweifelnden, der gerne mit den Mächtigen paktiert, die ihn allesamt umschmeicheln. Er lässt sich in Hitlergruss-Pose fotografieren, bereut das sehr, bietet aber bei erster Gelegenheit eilfertig auch dem Beauftragten des Kulturministeriums der Volksrepublik Polen ein polnisch-deutsches Drama an.

Vor der Haustür mag das Chaos herrschen, Menschen werden vertrieben, flüchten, hungern, sterben. Aber in der Villa arbeitet der Hausherr an alten und neuen Werken, die Köchin kocht mit erlesenen Zutaten. In einer wunderbar ironisch-brutalen Szene bekommt Hauptmann Besuch von Johannes R. Becher, dem Präsidenten des Kulturbunds zur demokratischen Erneuerung Deutschlands und späteren ersten Kulturminister der DDR. Er will auch Hauptmann davon überzeugen, nach Berlin überzusiedeln. Doch der ist zu schwach, kann später auch dem Räumungsbeschluss der polnischen Regierung nichts mehr entgegensetzen und stirbt in Agnetendorf, angeblich lautet sein letzter Satz: «Bin ich noch in meinem Haus?»

Hauptmanns Nachlass ist immens, manche seiner naturalistischen Dramen wie «Die Weber», «Die Ratten» oder «Der Biberpelz» finden sich noch auf den Spielplänen der Theater. Doch die klassischen Werke, die er bis kurz vor seinem Tod schrieb, sind heute nahezu unbekannt. Pleschinski möchte ihnen eine Lanze brechen. Doch die ausgiebigen Zitate überzeugen nicht, auch die Gespräche darüber klingen wie aus einem Germanisten-Proseminar.

Die plastischen Schilderungen der Menschen, die im Strudel der Zeiten hin- und hergerissen werden, lohnen aber die Lektüre allemal, zumal sich Parallelen zu den heutigen Flucht­bewegungen aufdrängen. Die beiden Nobelpreisträger Mann und Hauptmann waren übrigens leidlich befreundet. Das endete schlagartig, als Mann Hauptmann im «Zauberberg» als Mynheer Peeperkorn schildert: Ein stotternder Mann, der dem Alkohol zugetan ist und kaum ­einen Satz zu Ende bringt. Das konnte Hauptmann nie ver­winden.

Valeria Heintges

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