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LITERATUR: Eine Kindheit zwischen Leben und Tod

Mit ihrem Roman «Unreife Früchte» kam die in England lebende polnische Autorin Wioletta Greg auf die Longlist des Man-Booker-International-Preises.
Bernadette Conrad

«Blacky zeigte mir eine andere Geometrie der Welt, eine, in der nicht die mit Disteln und Gänsefuss bewachsenen Raine, die gepflasterten Wege, die Zäune, die gemähten oder von Menschen ausgetrampelten Pfade die Grenzen markierten, sondern das Licht, die Geräusche und die Elemente.» Die Katze Blacky, mit der das Kind neue Wege und Verstecke kennen lernt, ist nur eines von vielen Tieren, die Wiolkas Kindheit begleiten. Nicht immer ist es gleich klar, welches lebendig ist und welches nicht – auch Blacky ist eines Tages verschwunden. Als der Vater ihr erzählt, die Katze sei im Teich ertrunken, ist das der erste endgültige Verlust in ihrem Kinderleben. Doch kaum wird es Mai, zieht Wiolka mit einem Glas über die Wiesen und jagt Maikäfer. Um deren jämmerliches Sterben nicht mit ansehen zu müssen, macht sie sich schnell aus dem Staub, nachdem sie ihre Beute den Trut- hähnen zum Frass vorgeworfen hat – bleibt aber an einem Nagel hängen und wird von der herabstürzenden Hühnerleiter erst mal in eine Ohnmacht befördert. Ein andermal kommt der Bus, mit dem Wiolka ihren Vater in der Papierfabrik abholt, nicht – und auf dem langen Heimweg allein im Schnee stolpert sie und schlägt sich den Kopf an einem Stein auf.

Vieles in dieser archaisch anmutenden Kindheit des Mädchens Wiolka, das in den 1970er- und 80er-Jahren in einem pol- nischen Dorf aufwächst, spielt sich nicht nur zwischen Ställen und Feld, sondern direkt zwischen Leben und Tod ab. Der Weg vom einen zum anderen scheint nicht weit. Wioletta Greg erzählt dies in einer Sprache, die aufgeladen ist mit der Intensität kindlicher Sinneswahrnehmung.

Kirche, Tiere und ein übergriffiger Arzt

Kuh und Hühner, Schweine und Hunde sind eine so selbstverständliche Gegenwart wie Vater und Mutter, Grossmutter und Grossvater. Das Leben ist eingespannt in den Zyklus der jahreszeitlichen Rituale; schwingt im Rhythmus des katholischen Kirchenjahres und der täglichen Sorge für Hof und Tiere, des Kümmerns um Essen und Wärme. Durch einen übergriffigen Arzt, dem das empörte Mädchen gleich ans Schienbein tritt, stürzt verstörend Sexualität ins Leben. Als die Mutter ihr Vorwürfe für den Tritt macht, wird Wiolka krank und schluckt vor Verzweiflung das Quecksilber des zerbrochenen Fieberthermometers.

Den Kindheitsrhythmus Ewigkeit beschwört Wioletta Greg auf eindrucksvolle Weise herauf. Es ist die Wucht inneren Lebens, die Wioletta Greg dem Kindheitsalltag in einem Dorf ablauscht – weder Idyll noch Tragödie, sondern das verstörende, überwältigende Abenteuer, gross zu werden.

Bernadette Conrad

Wioletta Greg: Unreife Früchte. C. H. Beck, 143 S. Fr. 29.–

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