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LITERATUR: Ein Roman ist mehr als sein Umschlag

Hat das Buch ausgedient? Die Lausannerin Noëlle Revaz zeichnet in ihrem satirischen Roman «Das unendliche Buch» eine überraschende literarische Zukunft.

Der Buchumschlag präsentiert sich in einem warmen Orange, das von zitronengelben Tönen akzentuiert wird. Es zeigt das grafisch verfremdete Porträt einer jungen Frau, die den Betrachter wie durch Gitterstäbe direkt anblickt. Der Name der Autorin ist in einer gelben Antiqua-Schrift gesetzt. Das glatte Umschlagpapier verrät weder Höhen noch Untiefen. Auf diese und ähnliche Weise argumentiert eine Literaturkritik, die ein Buch auf seine visuellen Oberflächen reduziert. Bilder, Schriften, Farben und Strukturen lassen sich medial wunderbar inszenieren, während Texte bloss stören. Sie rauben Zeit, beim Schreiben wie beim Lesen.

Im Fall von Noëlle Revaz ist gerade deshalb auf den Text zu achten. Sie erzählt in ihrem neuen Roman eine ätzende Mediensatire. Darin wird Literatur ganz auf ihr äusseres Erscheinen reduziert, damit sie in Buchform vor den TV-Kameras perfekt zur Geltung kommt. Autoren werden zu «Buchhaltern» degradiert, denn Algorithmen stückeln die Texte aus Wortdatenbanken zusammen. Was Noëlle Revaz mit bösem Witz erzählt, wirkt futuristisch verzerrt, zugleich kommt es uns durchaus vertraut vor. Die Oberfläche eines Buches ist derart wichtig geworden, dass das Öffnen dieses Objekts sogar als Tabu gilt. Nur vorwitzige Kinder tun es gelegentlich und versuchen, darin zu lesen.

Schöne, bizarre neue Medienwirklichkeit

Dennoch werden die allerneuesten Neuerscheinungen regelmässig in unendlich gleichförmig ablaufenden TV-Talkshows gehypt. Hin und wieder kommt es sogar vor, dass ein Buch in diesem Rahmen seine allererste Premiere feiert, zur Überraschung selbst der Autorinnen und Autoren. So widerfährt es Jenna Fortuni und Joanna Fortunaggi – zwei Stars und Konkurrentinnen in der Branche. Sie werden eines Tages mit einem neuen Buch konfrontiert, auf dessen Umschlag der Name Joeanna Fortunaggi steht: eine doppelte Sensation. Zuerst sind die beiden schockiert. Nach und nach aber entwickeln sie Sympathie füreinander, bis sie sogar den Mut zu einem Tabubruch finden. Alle Äusserlichkeiten in Ehren, aber es lohnt sich, den Buchdeckel von Noëlle Revaz’ Roman zu heben und inliegenden Text zu lesen. Wunderbar komisch und bitter zugleich erzählt sie: Das Buch muss in die Kamera gehalten werden, dann rollt der Rubel.

Die Leser bleiben in diesem sich selbst reproduzierenden System ein unscheinbarer Faktor. Aus der Leserschaft ist ein TV-Publikum geworden. Einzig der Sohn von Joanna schmökert in alten Büchern – und kritzelt sogar mit Tinte eigene Heftchen voll. Noëlle Revaz entwickelt einen Strauss von sprühenden Ideen, die sie kühl und sachlich rapportiert.

Eine leise Schwäche verrät ihr Buch allerdings doch. Zuweilen erweckt es den Eindruck, dass die Autorin selbst ihren Einfällen nicht ganz trauen würde. Sie neigt zum Erklären und Verdeutlichen, wodurch das muntere Erzähltempo manchmal gedrosselt wird. Für den Schluss hält Noëlle Revaz eine Überraschung bereit: die Neuerfindung des Buches. Es ist zum Weinen und zum Lachen.

Beat Mazenauer/SDA

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