LITERATUR: Ein Mann und seine Mission

Mit seinem zweiten Roman «Glück ist teuer» legt der Wahlsanktgaller Silvan Aeschlimann ein gnadenlos selbstreflexives und hochmoralisches Buch über Geld und dessen Sog vor.

Michael Hasler
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HSG-Absolvent und Schriftsteller: Silvan Aeschlimann. (Bild: PD)

HSG-Absolvent und Schriftsteller: Silvan Aeschlimann. (Bild: PD)

Nach wenigen Interviewminuten mit Silvan Aeschlimann zeigt sich ein festes und nicht nur angenehmes Bild. Hier hat ein junger Autor die Grenzen zwischen sich und seinem jüngsten Roman so sehr aufgehoben, dass daraus eine Mission wurde. Es ist der Versuch, in einem klug konstruierten Roman den Leserinnen und Lesern einen Spiegel über den Sog des Geldes vorzuhalten. In seinem wirklichen Leben ist Aeschlimann 23-jährig, hat gerade das Bachelorstudium der Volkswirtschaften an der Universität St. Gallen abgeschlossen und versucht auszuloten, wohin ihn sein Berufsleben nun leiten soll. Seine Romanfigur Noah ist zwei Jahre jünger, lebt ebenfalls in St. Gallen und zeigt auch ansonsten kaum Abgrenzungen zum Autor. «Ich liebe es, Bäume im Wald zu verstecken», kontert Aeschlimann die Frage nach den autobiografischen Parallelen. Der langsam startende Roman verkommt mehr und mehr zu einem Spiel, in dem Noah dem Sog des kapitalistischen Systems verfällt und Sophia – seine Freundin und Jugendliebe – zum Widerpart und Kompass der Moral wird.

Schreiben bis zur Erschöpfungsgrenze

Aeschlimann spielt gekonnt mit seinen Figuren, deren Namen im sprachmythologischen Kontext überdies durchaus Programm sind. Geschickt überlagert er konsequent sein eigenes Leben mit jenem seiner Figuren. Eine WG am Gallusplatz, in der er während seinem Studium wohnte, wird zu einem der zentralen Spielorte des Romans. Und natürlich darf Systemkritik und Gesellschaftskritik an der HSG ebenso nicht fehlen wie erzählerische Ausflüge an die Drei Weieren. So gesehen ist Aeschlimanns jüngstes Werk wegen seiner konsequenten geografischen Verortung durchaus ein ostschweizer, fast schon ein regionaler Roman geworden. «Ich habe den Roman bewusst so nahe an mein eigenes Leben herangenommen, wie mir dies möglich war. Nirgendwo kenne ich mich besser aus. Das hat mir in meinem Umfeld und an der HSG Lob, aber auch Kritik eingebracht», erzählt Aeschlimann. Entstanden ist «Glück ist teuer» in vier Monaten. «Zu schnell», wie Aeschlimann heute weiss, denn das Schreiben und die Begleitung seines Romans hat von ihm viel mehr abverlangt, als er erwartete. «Früher habe ich über Burn-out-ähnliche Erschöpfungs­zustände immer gelächelt und gedacht, dass sie etwas für ältere und labilere Menschen seien. Jetzt befinde ich mich selbst in einem und versuche, langsam wieder auf die Beine zu kommen.» Für einen, der noch vor wenigen Monaten als Leistungssportler der Mittelstrecke bis zu hundert Kilometer wöchentlich abspulte, eigentlich undenkbar.

Banknoten verschenkt am Hauptbahnhof Zürich

Und doch, im Gesamtbild passt dies zu diesem eloquenten jungen Mann, der auch im Interview ohne jeglichen Schutz offen über sich und sein Leben spricht. Aeschlimann sucht in seinem Roman immer wieder nach existenzieller Wahrheit und trieb es im richtigen Leben auf die Spitze, als er ein fiktives Experiment mit dem Verschenken von Geld in seinem Roman real ausprobierte. «Zusammen mit einigen Kollegen haben wir die Romanidee real umgesetzt, unter anderem im Hauptbahnhof Zürich. Dort haben wir medial ankündigt, Geld versteckt zu haben und es zu verschenken.» Das Experiment bescherte ihm schweizweite Beachtung, aber auch viel Kritik. «Ich wollte wissen, ob die Idee real funktioniert. Aber rückblickend gesehen war das zu viel für mich.» Sein Romantitel hat ihn eingeholt, denn ob er einen weiteren Roman schreibt, kann er sich derzeit nicht vorstellen. Auch schriftstellerisches Glück ist mitunter (zu) teuer.

Michael Hasler

ostschweizerkultur@tagblatt.ch