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LITERATUR: Ein Gefühl für den Pas de deux

Die Schriftstellerin Dana Grigorcea kam 2002 aus Rumänien in die Schweiz. Sie versteht sich aufs wilde Fabulieren, aber auch auf eine klare Nachdenklichkeit – was ihr neuer Roman wunderbar beweist.
Erika Achermann
Die rumänisch-schweizerische Schriftstellerin Dana Grigorcea. (Bild: Dörlemann-Verlag)

Die rumänisch-schweizerische Schriftstellerin Dana Grigorcea. (Bild: Dörlemann-Verlag)

Erika Achermann

Die Dame ist Balletttänzerin und das Hündchen hat sie von einer Reise aus dem Maghreb mitgebracht. Beim Spazieren an der Zürcher Seepromenade erleichtert die Promenadenmischung das Anknüpfen von Gesprächen. Bei sonnigem, aber kühlem Wetter nimmt der Mann schüchtern Kontakt auf und beschwingten Schrittes gehen Anna und Görkan gemeinsam bis zur Quaibrücke. Er ist verheiratet. Sie auch. Sie werden sich jeden Tag wiedersehen, bei jedem Wetter, denn Görkan arbeitet in Zürich als Gärtner. Anna tanzt als nicht mehr ganz junge Ballerina am Opernhaus die Charakterrollen. «Mit wechselnden Tanzpartnern hat sie überall auf der Welt das verliebteste Bühnenpaar gegeben.» Dabei, und das ist wichtig in dieser Novelle, stets «Taktgefühl» bewiesen, auch im Leben. «Die Freiheit», sagt Anna zu Görkan, «befindet sich immer zwischen den Tanzschritten.» Und so gehen sie weiter, ihre Freiheit bewahrend. Diese Novelle birgt stilistische wie erzählerische Schönheiten, wie man sie selten in der heutigen Literatur liest.

Liebeserklärung an Zürich

Dana Grigorcea ist mit dieser Novelle in Zürich angekommen. Hier lebt sie mit ihrem Mann und den zwei Kindern. 1979 wurde sie in Bukarest geboren, ist zweisprachig rumänisch-deutsch aufgewachsen. Da finden sich wohl die Wurzeln für ihr sensibles Gefühl für Sprache. Sie lebte bis 2002 im Cotroceni-Quartier in Bukarest. Freiwillig verliess sie Rumänien, sie musste nicht fliehen, um in Brüssel und in den Niederlanden zu studieren. Hauptsächlich in Bukarest spielt der Roman «Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit», für den sie in Klagenfurt mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet wurde. Es sind die Jahre des Umbruchs nach der Wende, in denen Grigorcea beobachtet, wie aus der Starre des Schweigens in der Zeit des Ceausescu-Regimes eine grosse Redseligkeit entsteht und dabei die wichtigsten Wahrheiten weiterhin im Schweigen ausgespart werden. Auch hier lauscht Dana Grigorcea genau auf die Töne der Sprechenden, erzählt sie melancholische und witzige Liebesgeschichten und hebt das Absurde hervor, das mit Autoren wie Eugène Ionescu und Tristan Tzara zwei prominente Vertreter aus Rumänien hat.

Bereits in diesem Roman gibt es ein paar Momente in Zürich, in denen Viktoria «bei Sprüngli am Paradeplatz ein Birchermüesli mit Waldfrüchten löffelt». Von so etwas hätte die rabiate Haupt­figur in Dana Grigorceas Erstling «Baba Rada» gar nicht erst träumen können, obwohl sie ebenso wie später Anna vom Glück träumt. Der Roman spielt in der weitläufigen Schilf-Wasser-Landschaft des rumänischen Donaudeltas. Mit diesem Roman beginnt 2011 der bewundernswerte literarische Weg, den die Autorin zurücklegt vom Donaudelta bis nach Zürich und in die Oper.

Liebevoll klare Beobachterin

Dana Grigorcea kennt die Welt der Oper. Nahe dem Opernhaus ist sie in Bukarest aufgewachsen, in Zürich ist sie als Statistin genaue Beobachterin der Szene. Es ist eine Schlüsselszene für sie, wie der Tänzer des Wronski in Anna Karenina «mit grösster Hingabe eine Luftgestalt» und nicht seine Partnerin umschmeichelt. Anna freut sich, die Welt der Bühne bald zu verlassen und ins Leben einzutauchen. Aber nicht nur die Kunst wirkt hinein ins Leben und das Leben in die Kunst, auch die Kunst wirkt in die Kunst. Grigorcea täuscht niemanden. Tschechows «Dame mit dem Hündchen» ist Vorbild, mit getauschten Rollen. Eine solche Novelle muss man erst schreiben können, die sich neben Tschechow nicht zu verstecken braucht. Und dabei so viel zu sagen haben wie Dana Grigorcea, ohne sein eigenes Ich aufzudrängen.

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