LITERATUR: Dreimal fast schuldig

Alfonso Hophan studiert an der Uni St. Gallen Rechtswissenschaften. In seinem neuen Erzählband wird er zum juristischen Grenzgänger und Existenzphilosophen.

Hansruedi Kugler
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Alfonso Hophan vor dem Hauptgebäude der Universität St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Alfonso Hophan vor dem Hauptgebäude der Universität St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Hansruedi Kugler

hansruedi.kugler

@tagblatt.ch

Wenn einer im Albtraum «Lachs, Lachs, Lachs» schreit, muss das nichts bedeuten. Ein Jurist mag solches ignorieren. Aber ein neugieriger, ständig philosophierender Schriftsteller nutzt dies als Steilvorlage. Den Albtraum hatte Alfonso Hophan in einer Silvesternacht. Die Traumverzweiflung verdichtet er nun in der Geschichte «Der rätselhafte Fall des Alexander Frosch» zum packenden Dialogstück. Der Mann, der den Toten fand, will nun die Schuldigen am Selbstmord des Philosophiestudenten Frosch aufspüren und gerät selbst in einen unheimlichen Sog. «Ich wollte dem Lachs einen Sinn geben», sagt Hophan schmunzelnd. Mit seinen Erzählungen stellt er die eindringliche Frage, welche Art von Schuld überhaupt juristisch fassbar ist. Hophan nennt es «das unbestimmte, nicht minder reale Gefühl der Schuld». Der Student Frosch wird erdrückt vom Familienkomplex aus Leistungsdruck und Hartherzigkeit. Hophan lässt ihn in einem grotesken albtraumartigen Strudel am Schluss wegen eines verlorenen Weihnachtslachses aus dem Zug in den Tod springen. Der literarische Kniff: In einer Reihe von Besuchen geht einer der Frage nach, wer durch Ignoranz oder Selbstsucht Mitschuld am Suizid haben könnte. Formal toll gelöst: Die Gespräche lesen sich wie ein kammerspielartiges Hörspiel.

Am Ende gibt ein Herr C. eine philosophische Antwort auf das Lebenschaos. In C. ist unschwer Albert Camus zu erkennen, der mit seiner Existenzphilosophie dem Absurden des Lebens eine tapfere Haltung entgegensetzt. Mit den Philosophen kennt sich Alfonso Hophan aus. Sie sind seit Jahren seine privaten Begleiter.

Beichte und Lynchjustiz erinnern an Dürrenmatt

Zwar ist Hophan angehender Jurist, klebt aber keineswegs an der trockenen Sprache von Gesetzbüchern. Literarisch interessiere ihn ohnehin eher die Unzulänglichkeit des Menschen, sagt er. Diese erlebt er auch als Simultanübersetzer am Kantonsgericht seines Heimatkantons Glarus. Wie Eifersucht und Neid Menschen rachsüchtig machen können, wie die Schuldfrage Menschen peinigen kann, hat er dort oft erlebt: Faszinierende Erfahrungen für einen Schriftsteller.

Nach einem historischen Roman, der während der Glarner Glaubenskriege im 16. Jahrhundert spielt, legt er nun einen Erzählband vor, mit dem er sich «etwas aus dem Fenster lehnt», sagt er. Darin nimmt er dreimal Anlauf und stellt die Schuld auf die Probe: mal moralisch in der Gewissensbefragung einer Beichte, mal philosophisch als Befragung des Suizids, mal als gesellschaftliche Eigendynamik der Selbstjustiz. So theoretisch und konzeptuell das tönen mag, so farbig in der Szenerie, so packend in der Psychologie und wunderbar experimentell in der Form liest sich das Buch. Da beichtet ein sterbenskranker Mann einem Pfarrer von einer alten Gewissenslast und ein Dorf lyncht fast einen vermeintlichen Mörder. Bei beiden könnte Dürrenmatt Pate gestanden haben.

Lesung Do, 20 Uhr in der Buchhandlung Comedia in St. Gallen.