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LITERATUR: Die poetische Grenzgängerin

Heute verleiht das Bundesamt für Kultur Literaturpreise. Den Hauptpreis bekommt Anna Felder, die lyrisch verdichtet gespaltene Seelen und das Tessin mit der Deutschschweiz verbindet. Eine späte, verdiente Ehre.
Hansruedi Kugler
Anna Felder in ihrer Wohnung in Aarau. (Bild: Christian Beutler/Keystone)

Anna Felder in ihrer Wohnung in Aarau. (Bild: Christian Beutler/Keystone)

Hansruedi Kugler

Braucht es neben dem Schweizer Buchpreis (vom Buchhandel lanciert und im Herbst in Basel verliehen) noch die Literaturpreise des Bundesamtes für Kultur? Letztere führen bisher ein publizistisches Schattendasein. Kritisieren mag man die Inflation von Preisen. Ob es so viele tolle ­Bücher gibt, ist umstritten. Und ­bemängeln kann man auch, dass viel mehr Geld in Promotion als in Preise fliesst: Letztes Jahr war das Verhältnis 414000 Franken zu 262000 Franken. In diesem Jahr reduziert das Bundesamt für Kultur die Promotion. Vor allem werden weniger Videos produziert. Bei aller Kritik: Der Buchpreis ist auf den Deutschschweizer Literaturbetrieb fokussiert, die eidgenössischen Literaturpreise hingegen wollen der ­Vielsprachigkeit gerecht werden. Deshalb werden Preise in alle Sprachregionen vergeben. Und darin liegt der Hauptgewinn für Leser: Denn so kann man unvermutete Entdeckungen über die Sprachgrenzen hinaus machen. Das geschah 2016 mit Alberto Nessi, letztes Jahr mit Pascale Kramer und Michel Layaz, von denen Übersetzungen vorliegen.

Tessiner Heimweh- Rotwein im Tarnmantel

Dieses Jahr lässt sich das Werk von Anna Felder entdecken. Wer ihren heute erscheinenden Band mit Kurzgeschichten in die Hände nimmt, der staunt: Hier ist eine Autorin am Werk, die mit subtiler Beobachtungsgabe, poetisch verdichtet und mit dem grossen Thema der Vertrautheit und Entwurzelung wunderbare Literatur schafft. Der Publizist Charles Linsmayer hat es vor Jahren treffend beschrieben: Felder habe bereits in ihrem Erstling «Quasi Heimweh» 1970 die Lage der Gastarbeiter mit Anteilnahme geschildert, ohne dabei zur politischen Pamphletistin zu werden. Die Autorin hatte ihre Erfahrungen als junge Lehrerin von Gastarbeiterkindern in Aarau einfliessen lassen. Auch in ihrem neuen Buch «Circolare» sind die eindringlichsten Geschichten jene, in denen Felder Sehnsucht, Irritation, Überdruss und Gespaltenheit spüren lässt – ohne je das abgegriffene Wort «Heimat» zu verwenden. Viele ihrer Texte sollte man wie Gedichte lesen: Als hohe literarische Kunst, die Motive, Bilder, Objekte, Töne korrespondieren lässt. Da wird das Gemurmel auf der Strasse der alten Heimatstadt zur Person; ein auf einem Bistrotisch geparkter, «höflicher» Töffhelm wird zum Ansprechpartner und in den Reaktionen der Passanten zum Gesellschaftsbild; der Tessiner Rotwein, getarnt in der Valser-Wasser-PET-Flasche und geschlürft im Gotthardtunnel, zum Heimwehtrank auf dem Rückweg ins Tessin, «um sich daheim zu ­fühlen, bevor sie zu Hause ankommt». Das Buch ist voll mit solchen treffenden Szenen, poetisch aufgeladen mit eindringlichen Lebensgeschichten, die auf Dramatisierung verzichten: Wunderbar leicht erzählt, mit feinem Schalk unterlegt. Sie lächelt über keifende Ehepaare, freche Kinder und allzu empathische Leserinnen. Anna Felder belebt Objekte, lässt in ihnen wie im Brennglas Mentalitäten, präzise Gefühle, Erinnerungen aufscheinen. Der eingravierte Olivenbaum auf dem Grabstein des Emigranten; die massiven Skulpturen im Garten des Deutschschweizer Nachbarn im Tessin – und reflektiert so nebenbei die lebensnahe Wirkung des Erzählens. Anna Felder ist bester Beweis, dass sich die Neugier über Sprachgrenzen, die hierzulande leider schwach ist, lohnt und gerade für ein Land wie die Schweiz essenziell ist.

Anna Felder: Circolare. Limmat-Verlag, 140 S., Fr. 26.-

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