LITERATUR: Die Flucht, das Fremde und die Weitläufigkeit der Welt

Der bulgarisch-deutsche Schriftsteller Ilija Trojanow reflektiert in «Nach der Flucht» die Folgen seiner eigenen Flucht aus Bulgarien und das Thema Flucht und Flüchtigkeit an sich.

Interview Erika Achermann
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Ilija Trojanow, Ihr neuestes Buch widmen Sie Ihren Eltern, «die mich mit der Flucht beschenkten». Warum?

Weil ich die Welt erfahren durfte, anstatt eines einzigen Landes. Weil ich dadurch freier und unabhängiger geworden bin und am Ende des Regenbogens ein Topf Glück wartet. Weil mich meine Eltern damals nicht um Zustimmung gefragt haben, ich war erst sechs Jahre alt, und es höchste Zeit war, dass ich ihre Entscheidung nachträglich gutheisse.

Die Utopie aller Geflüchteten sei die Ankunft, schreiben Sie. Kann die Literatur sensibilisieren für die Probleme der Anderen?

Wer sind die Anderen? Das ist die Frage, die sich «Nach der Flucht» stellt. Wer entscheidet, wer die Anderen sind? Was ist uns wirklich fremd, jenseits von Manipulationen und Konditionierungen und Vorurteilen und Blindstellen? Der Geflüchtete erfährt, wie fliessend die Unterscheidung zwischen Eigenem und Fremdem ist, insofern erkennt er manches klarer als jene, die in schematischen Kategorien denken. Was ist mit den Gemeinsamkeiten unser aller selbst? Das sind schwierige, aber auch inspirierende Fragen, die in unserem öffentlichen Diskurs viel zu verkürzt und eindimensional abgehandelt werden. Deswegen hinterfrage ich den Begriff «Heimat», aber auch die Unterschiede Wir/Sie.

«Nach der Flucht» ist ein Essay in der Form von Momentaufnahmen, Dramoletten und Aphorismen. Sind Bruch-Stücke die geeignete Form um vom Noch-nicht-angekommen-Sein zu erzählen?

Flucht und Exil verweigern sich allem, was fest ist und was aussieht wie Heimat, was sicher ist und ein ruhiger Hafen. Oder wie es an einer Stelle heisst, ein «Arsch auf dem Kanapee». Ich habe gemerkt, dass nur das Zersprengte diesen Realitäten gerecht wird, das Fragmentarische, das scheinbar Unfertige, das im Detail präzise ausgearbeitet ist.

Heute sind mehr flüchtende Menschen unterwegs denn je. Aber Flüchtlinge, Exilierte, Verbannte gab es schon immer, von Ovid bis heute. Auch Sie sind ja ein «Weltensammler». Flucht und Exil haben die Literatur inspiriert, den Blick auf die Welt geöffnet. Heimatlosigkeit hält in Bewegung. Kann das gut sein?

Als ich den ersten Teil des Buches «Von den Verstörungen» fertig hatte, fehlte mir der Raum für Hoffnung, Erwartung, Zukunft. Für die Segnungen des Exils, für den Aufbruch nach dem Ausbruch. Flucht ist ja nicht nur Verlust, wie Sie andeuten. Daher habe ich nach der Nummerierung von Vorne nach Hinten, also von 1 bis 99, die zweite Hälfte unter dem Titel «Von den Erregungen» von Hinten nach Vorne nummeriert. Das ist meine formale Antwort auf eine kaum zu beantwortende Frage. Es ist noch nicht klar, ob die Migration, pathetischer gesagt, das Nomadische, eine verquere Ausnahme des Sesshaften ist, oder umgekehrt. Heutzutage gibt es ja eine geradezu hysterische Gier nach Sicherheit, für die die Bürger fast alles an Freiheit aufgeben würden. Da ist schwer darauf hinzuweisen, dass jene, die alles verlieren, mehr zu gewinnen haben, im existenziellen Sinn. Das Scheitern, die Tragödien sind sichtbarer, die Rettungen sind aber ähnlich dramatisch, und sie müssen benannt und beschrieben werden.

Sie haben in Ihrer Rede an den Solothurner Literaturtagen dafür plädiert, das Fremde, Unbekannte wahrzunehmen. Was sollten wir lesen, um über die Grenzen unseres auf Europa konzentrierten Denkens hinauszuschauen?

Wenn man sich anschaut, was wir von der Weltliteratur rezipiert haben, von der klassischen wie auch der zeitgenössischen, so muss ich konstatieren: Wir haben bislang nicht gefrönt, sondern gefastet. Eine sehr einseitige literarische Ernährung, die jeder Diätplaner über den Haufen werfen würde. Wieso sich im Provinziellen einigeln, wenn man inzwischen im deutschsprachigen Raum Zugriff hat auf die Dichtungen der Welt! Statt bestimmte Farben der Palette und Töne der Skala zu ignorieren, sollten wir die existierende Vielfalt geniessen. Wenn Sie in einer Buchhandlung spontan denken: Davon habe ich noch nie etwas gehört – greifen Sie zu.

Interview Erika Achermann

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