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LITERATUR: Das nette, schreckliche Amerika

Zum hysterischen Politbetrieb der USA gibt es ein literarisches Gegenrezept: Gleich zwei Erzählbände zeigen ein facettenreiches Land. Geschrieben von Schauspieler Tom Hanks und von Grossmeister T. C. Boyle.
Hansruedi Kugler
Sie werfen in ihren Erzählungen zwei unterschiedliche Blicke auf ihr Land: Tom Hanks in seinem freundlichen Début, mit Schockeffekten T. C. Boyle. (Bilder: Getty)

Sie werfen in ihren Erzählungen zwei unterschiedliche Blicke auf ihr Land: Tom Hanks in seinem freundlichen Début, mit Schockeffekten T. C. Boyle. (Bilder: Getty)

Hansruedi Kugler

Nein, Freaks sind die Figuren im literarischen Debüt des amerikanischen Schauspielers Tom Hanks nun wirklich nicht. Der deutsche Buchtitel «Schräge Typen» führt leicht in die Irre. Es sind eher nette Nachbarn mit etwas skurrilen Hobbys. Figuren, die aus den Filmen entsprungen sein könnten, in denen der berühmte Charakterdarsteller Tom Hanks selbst die Hauptrolle gespielt hat. Der nette Amerikaner, der bescheidene Held wider Willen. Nicht zufällig findet man in einzelnen Storys denn auch Motive und Szenarien wieder, in denen Tom Hanks diesen stillen, aufrichtigen Amerikaner verkörperte: etwa im Kriegsdrama «Saving Privat Ryan» in der Normandie im Zweiten Weltkrieg oder als Kapitän der Mondmission der Apollo 13, die haarscharf an einer Katastrophe vorbeiging.

Eine Ode auf das Einwanderungsland

Warum man diese Debütprosa lesen soll? Nicht wegen literarischer Brillanz. Nein, Tom Hanks Storys sind zwar ordentlich erzählt, aber meist bedächtig, linear und eine Spur zu harmlos. Nein, man liest diese Storys, weil man dabei wohltuend ein anderes Bild der USA vorgelegt bekommt. Denn die USA sind weit mehr als der hysterische Politbetrieb in Washington, der unser Bild des Landes so aufdringlich prägt. Hier bekommt man einen komplett anderen Blick geschenkt. Tom Hanks Storys sind geprägt von der Selbstverständlichkeit multikultureller Freundeskreise, von nachbarschaftlichem Wohlwollen, von einer Gelassenheit der Liebe. Er zeigt uns auf sympathische Art ein entspanntes Land.

Programmatisch liest sich gleich die erste Erzählung: «Drei erschöpfende Wochen». Die Einbürgerung eines muslimischen Freundes steht an. Das Einwanderungsland strahlt in Hanks Erzählung an der Einbürgerungsfeier: «Dieses Meer aus Menschen aller erdenklicher Hautfarben. Es war ein herrlicher Anblick.» Der Freundeskreis besteht aus: Asiate, Osteuropäer, Muslim, Engländerin – deren Familien seit Generationen in den USA sind und alle stolze Patrioten. Zwei der Freunde beginnen eine heftige Affäre: sie hyperaktiv, er phlegmatisch. Nach drei Wochen beenden sie die Affäre, fahren danach aber trotzdem gemeinsam auf Antarktis-Expedition. Den märchenhaft-positiven Ton wird Hanks nicht mehr ganz los. Etwa wenn er von Weihnachten 1953 in einer US-Vorzeigefamilie erzählt und man erfährt, dass der Ehemann als Soldat in der Normandie am Weihnachtstag 1944 sein Bein verloren hatte und trotzdem ein positiver, gutmütiger Mann geworden ist. Oder wenn eine junge Provinzschauspielerin in New York einen uneigennützigen Förderer findet, der ihr einen Künstlernamen verpasst und sie so auf die Bühne bringt. Das wirkt dann sogar etwas märchenhaft-einfältig. Vielleicht kitschig. Aber auch verblüffend positiv, menschlich: Tom Hanks quetscht aus dem Leben keine Dramen, auch die Liebe darf bei ihm untragisch enden.

«Sag mir eins – was genau sind Ködertiere?»

Da reisst ein Weltautor wie T. C. Boyle schon stärker mit. Fast schon hypnotisierend zieht er den Leser in die alltäglichen Schrecken der USA hinein. Sein neuer Erzählband ist ein literarisch grossartiges Gesellschaftspanoptikum. Etwa in der titelgebenden Story «Good Home»: Der Schock sitzt präzis, den Chardonnay muss Royce nun allein trinken. Nach der Frage «Was genau sind Ködertiere?«ist das Date abgehauen, die Story bricht mit dumpf-brutalem Hundetraining ab. Wenn man für seine Kampfhunde in der Gegend rumfährt, um auf Annoncen Tiere einzusammeln («gratis abzugeben»), die man dann seinen Pitbulls zum Zerfleischen vorsetzt, zu Trainingszwecken – dann sollte man keine zarte Frauenseele einladen. Besonders nicht eine, die nach dem Befinden ihrer Kätzchen fragt, die sie ihm vor Wochenfrist abgegeben hat.

«Good Home» ist eine der 20 Storys aus den letzten 13 Jahren, die alle in renommierten Zeitschriften erschienen sind. Hier vereint T. C. Boyle seine Kunstfertigkeit und seinen krassen Realitätsbezug, die ihn zu einem der grössten Gegenwartsautoren machen. In den besten Storys dieses Bandes führt er eine Parallelhandlung auf wenigen Seiten fast schon hypnotisch zusammen und lässt sie in einem Schock kulminieren: Da muss ein Mädchen vor Gericht gegen ihren alkoholkranken Vater, einen liebenswerten Schwächling, aussagen. Ein privater Lieferfahrer vergisst die Transplantationsleber im Auto und gräbt stattdessen «wie ein Roboter» nach Verschütteten einer Schlammlawine. Einer erfindet in seiner Lethargie den Tod seines Babys als Ausrede, um nicht zur Arbeit zu erscheinen. Ein Ganove bringt es nicht übers Herz, der entführten Mutter eines Sportstars einen Finger abzuhacken, und opfert den eigenen. Neben diesen Seelenporträts gibt es auch literarisch flachere Storys: Amerikanische Gesellschaftssatiren – mit geklonten Hunden und rabiaten Feinden der Evolutionstheorie, die einen fassungslos machen.

Boyles Lieblingsthema: Das Verhältnis zur Natur

Boyle dreht seine Storys weit ins Extreme, bleibt aber dennoch meist nahe am Wahrscheinlichen. Das Hinterhältige und gleichzeitig zutiefst Menschliche an T. C. Boyles Storys: Man fühlt zu Beginn und noch lange mit den Typen, den Verlierern, den raubeinigen Trotteln und Verliebten, die zu viel trinken und besinnungslos in der Gegend rumfahren. Hinter stumpfem Gleichmut leuchtet immer ihre Zerrissenheit zwischen Euphorie und Trostlosigkeit auf. Boyle schlüpft wie selbstverständlich in die Figuren, jede Szene, jede Andeutung gebiert Spannung. Die Storys sind knapp, elegant, szenisch präzis und scheinbar nebensächlich erzählt. Aber der Leser gerät unwillkürlich in einen Sog.

Und für einmal darf man das dem Band vorangestellte Motto wörtlich nehmen. «Was ist einem lieber: der Triller der Amsel oder sein Verhauchen?» Schönheit und Tod und dazwischen immer Boyles Lieblingsthema: das Verhältnis des Menschen zur Natur. In diesem literarischen Spinnennetz zappeln seine Figuren. Diese Storys wären auch ideale Referenzen für Meisterkurse angehender Schriftsteller wie Tom Hanks. Genial, wie Boyle mit einfachen Leitmotiven wie den Facetten des Lichts dramaturgische Hinweise gibt; wie er die Sprache von verbissenen Evolutionsfeinden, verwirrten Kindern oder Neureichen, die ihren Hund klonen lassen, hörbar macht. Für jene, die Boyles Romane langfädig finden, sind diese Storys eine grossartige Annäherung an dessen faszinierende Literatur.

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