«Literatur braucht Veranstaltungen, Literatur braucht Publikum, das Publikum braucht Nähe»: Warum das Literaturhaus Thurgau seit 20 Jahren ein Erfolg ist

Bücher bewegen uns ohne, dass wir uns bewegen müssen. Doch manchmal lohnt eine physische Reise: Dem Zauber der Literatur setzt seit dem Jahr 2000 das Haus im kleinen Thurgauer Ort Gottlieben ein Denkmal.

Viola Priss
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Idylle am See: Das Literaturhaus Thurgau ist im Bodmanhaus in Gottlieben beheimatet.

Idylle am See: Das Literaturhaus Thurgau ist im Bodmanhaus in Gottlieben beheimatet.

Bild: Reto Martin (Gottlieben, 3. Oktober 2019)

Hier hält keine S-Bahn. Kein Bus bringt die Gäste ans Haus. Eine Reise aus St.Gallen, aus Konstanz oder einer der vielen kleinen und mittelgrossen Städte des Thurgaus ist notwendig, um hierher zu gelangen. Doch ist es das wert, heutzutage? Bei dem kulturellen Angebot in den Städten, die dank ÖV für jeden problemlos erreichbar sind? Wo jeder Autor im Café um die Ecke seine neuesten Werke präsentiert, jede Buchhandlung zu Shakehands mit Autor nebst Buch lädt? Ist ein Literaturhaus nicht völlig gestrig?

Nein, sagen drei, die es wissen müssen. Jochen Kelter, Programmleiter des Literaturhaus Thurgau in seinen Anfängen von 2000 bis 2004, Marianne Sax, die das Amt in den vergangenen drei Jahren innehatte und Gallus Frei-Tomic, welcher in den kommenden drei Jahren das Zepter übernimmt. Trotzdem: Was hat das Literaturhaus im kleinen Gottlieben, was die anderen, grossen Häuser nicht haben?

Hier, so sind sich alle drei einig, ist ein Ort, an dem Grenzen überwunden werden können. Hier lebt das geschriebene und gesprochene Wort auf jeder Etage, in jedem Winkel. So findet das gedachte Wort der Autoren den Weg aufs Papier in den Autorenresidenzen des Hauses. So findet das Buch seine Form in der hauseigenen Buchbinderei. So findet das fertige Werk Gehör beim Leser, in den Veranstaltungsräumen. So überlebt die Idee des stillen Buch-Eilands seinen Gründungsvater, Emanuel von Bodman, auch 70 Jahre nach dessen Tod. Der Lyriker sagte einmal:

«Soviel ist sicher, will ich mein poetisches Innenreich retten vor der Intellektualisierung, an der ich zuletzt in den Städten litt, muss ich hierher.»

Literatur funktioniert nur leise

Grenzen auszuhebeln, wenigstens aber auszuloten, darum ging es auch dem Schriftsteller Jochen Kelter vor 20 Jahren, als dieser das erste Programm des Literaturhauses auf die Beine stellte. Jenseits der Landesgrenzen sowie jenseits der Genregrenzen: Thurgauer, Ostschweizerinnen, Lyriker, Dramatikerinnen und Schreibende jedweder Gattung sollten hier unter einem Dach dem Zeit schenken, das sie verband: der Liebe zum Wort.

Jochen Kelter

Jochen Kelter

Bild: Fraktura Verlag, Zagreb

Rückblickend sei das Ganze zwar durchaus ein Wagnis gewesen, als er vor zwanzig Jahren die Leitung des damals dritten Schweizer Literaturhauses antrat, so Kelter. Neben den Grossstädten Basel und Zürich ausgerechnet in der kleinsten Gemeinde des Kantons, der eher für Hochzeitstourismus denn für Kultur bekannt war, ein Literaturhaus? Doch es ging auf, sagt Kelter: «Die Leute kamen, von beiden Seiten des Sees. Auch das macht die Lage des Hauses aus.» Zwar trafen zu Beginn auch absurd anmutende Anfragen bei dem Wahlschweizer ein. Von missionierenden Heilversprechern etwa oder dem Klavierspieler, die alle meinten, hier eine Bühne zu finden. Jochen Kelter sagt:

«Doch irgendwann war auch denen klar: Das hier ist ein Haus der Literatur und kein Zirkus.»

Zu seinen persönlichen Highlights zählt der erste Stipendiat, ein Genfer, tunesischer Herkunft. «Der war Gott sei Dank verständnisvoll, als er in der eindeutig männlich eingerichteten Wohnung feststellen musste, dass es an Handtüchern und Ähnlichem fehlte.» Auch er habe von der Abgeschiedenheit des Ortes geschwärmt. Und so war es eines von Kelters grössten Anliegen, die Stipendiatenförderung weiter voran zu treiben. Auch Studierende aller Disziplinen, die hier einen Ort jenseits der beengenden Hörsäle vorfanden, bereicherten ihn nachhaltig.

Schriftstellerin Dorothee Elmiger war 2015 Stipendiatin im Bodmanhaus in Gottlieben.

Schriftstellerin Dorothee Elmiger war 2015 Stipendiatin im Bodmanhaus in Gottlieben.

BIld: Reto Martin

Dass es weiterhin Literaturhäuser brauche, steht für Kelter ausser Frage. Im Mittelpunkt eines Literaturhauses stehe das Werk, sein Urheber und das Publikum. Es dürfe sich nicht an Auflagezahlen orientieren oder zum Handlanger von Verlagen und Einzelhandel degradieren.

«Ein Literaturhaus muss Anwalt des Autors und seiner Leser sein.»
Marianne Sax bei einer Lesung im Thurgauer Literaturhaus.

Marianne Sax bei einer Lesung im Thurgauer Literaturhaus.

Bild: Dieter Langhart

Literatur braucht Publikum

Von der hauseigenen Buchdruckerei, den Wohnungen der Stipendiaten über das originalgetreue Dichterzimmer des ursprünglichen Namensgebers, Emanuel von Bodman, bis hin zum Veranstaltungsprogramm – dass sich all das unter einem Dach befände, mache sicherlich die Einzigartigkeit des Hauses aus, so Marianne Sax. Einmal hier gewesen, schwärmten sie alle, Autoren wie Publikum, über den Aufenthalt. Marianne Sax sagt:

«Literatur braucht Veranstaltungen, Literatur braucht Publikum, das Publikum braucht Nähe.»

Die Politikerin und Buchhändlerin übernahm die Leitung des Hauses 2017 und wagte 2019 schliesslich dessen Umbenennung. Das einstige Bodmanhaus sprach nicht nur durch den neuen Namen ein breiteres Publikum an. Auch das vermehrt international aufgestellte Programm zog Menschen an. Dazu setzte die Frauenfelderin ihre persönlichen Netzwerke ein und holte Koryphäen wie Milena Moser und Lukas Bärfuss in den Thurgau. Und auch wenn die Säle nicht immer voll waren, berichtet sie, dann gab es dafür einen Raum für Gespräch, wie er andernorts nicht selbstverständlich sei.

«Hier kann man den Ausgang zelebrieren.»

Es war der gesamte Rahmen, sagt sie, samt Veranstaltung und Begleitprogramm, der die Nähe zueinander besonders mache. Milena Moser oder Lukas Bärfuss waren da Höhepunkte ihrer Amtszeit. Aber auch der berühmte Apéro mit Publikum wie Autor, der im Anschluss an keinen Abend fehlte. Und Publikum, auch von jenseits der Grenze, das wünsche sie an erster Stelle auch dem Haus und seiner Zukunft unter der neuen Leitung.

Nicht mondän, nicht modern, nicht klassisch: Gottlieben ist anders

«Was kann Literatur Schöneres tun, als Grenzen aufheben?»

Gallus Frei-Tomic zitiert den renommierten Thurgauer Schriftsteller Peter Stamm zur Beantwortung der Frage, was das Thurgauer Literaturhaus habe, was die übrigen fünf Literaturhäuser der Schweiz nicht hätten. Und fügt hinzu, Gottlieben sei genau richtig.

Gallus Frei-Tomic, neuer Programmleiter Literaturhaus Thurgau

Gallus Frei-Tomic, neuer Programmleiter Literaturhaus Thurgau

Bild: Reto Martin

Es sei eine Perle, die hier am Seerhein glänze, so der Literaturschaffende Frei-Tomic über das Haus und seinen Stellenwert in der Riege Schweizer Literaturhäuser. Man stelle sich vor, man habe die Zeit, unter der Woche am Seeufer zu flanieren und sie zu entdecken. Die Perle, die Auster unter den vielen Muscheln. Nicht mondän, nicht modern, nicht traditionell und klassisch. Es sei anders hier, so sagt er. Für ihn sei das Literaturhaus Thurgau, sei Gottlieben ein Geschenk. Ein Ort, an dem Wortschätze auf viele Art und Weisen ein Zuhause finden und gefunden haben. Die den belohnen, der sich auf den Weg mache, sie zu heben.

«Das, was hier passiert, dient keinem Verkauf, nur sich selbst!»

Schnell ist man angesteckt und entfacht, hört man den Literatur-Tausendsassa Frei-Tomic schwärmen, von Gottlieben, von der Literatur und von all den Möglichkeiten, die er in den nächsten drei Jahren genösse. So soll auch das Programm, welches das Publikum nach den Monaten der Corona-Abstinenz erwarte, grenzenlos sein. Es sollen die Bücher sein, die etwas zu sagen haben, so Frei-Tomic, Schriftsteller, die etwas bewegen wollen.

Was genau Frei-Tomic plant, ist abzuwarten. Altbewährtes nebst Frisch-Aufgetischtem soll es geben, die Schweizer Literatur dabei auch in den kommenden drei Jahren im Schwerpunkt bleiben.

«Ich werde es nicht allen Recht machen. Aber ich werde alles mir Mögliche tun, dass man auch nach meinen drei Jahren nicht gegen Schamesröte ankämpfen muss.»

Von Überzeugungsarbeit würde der Amriswiler dabei nicht sprechen. «Wieso sollte ich jemanden überzeugen müssen?», sagt er. Einen Gegenpol zur Hektik der Welt, weit entfernt von Oberflächlichkeit und sich nur der Liebe zum Buch widmend, wo gäbe es das sonst?

Entgegen der Literatur «to go» entdeckt der, der es zulässt, hier in Gottlieben «Literatur to stay». Und nimmt ein wenig davon mit, auf dem herrlich langen Heimweg.

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