LITERATUR: Bitte kein Second-Night-Stand

Als Kolumnistin ist die 46-jährige Zürcher Journalistin Simone Meier längst eine Kultfigur. In ihrem zweiten Roman «Fleisch» glänzt sie mit einem lustigen, deftigen und intelligenten Generationenporträt.

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Man könnte die Story dieses Romans in zwei Sätze packen: Anna, zynische Kulturfunktionärin aus Zürich, entdeckt ihre lesbische Seite und löst die sachlich-lauwarme Beziehung zu Max. Dieser vertrocknet in der Folge als Lehrer in einer Schweizer Kleinstadt und endet kläglich. Ein Melodrama? Auch, aber längst nicht nur. Für Leser, die in Romanen eine verborgene Moral aufspüren wollen und dramaturgische Analysen anstellen, wäre dieses Buch schubladisiert.

Damit wäre aber das grösste Vergnügen des Romans verschenkt: Simone Meier schöpft nämlich in «Fleisch» aus ihrem enorm reichen Erfahrungsschatz als Gesellschafts- und Kulturjournalistin und hat zudem ein grosses Herz für ihre Figuren. Sie schreibt so unverschämt offenherzig, sarkastisch, intelligent und leichtfüssig wie in ihren Kult-Kolumnen im Tages-Anzeiger und seit einigen Jahren in der Internetzeitung Watson, wo sie ihr Liebesleben und ihren Fernsehkonsum ausbreitet. Und wenn sie Literaturprofessorin Elisabeth Bronfen beim Kochen zuschaut, ist man so unmittelbar dabei, dass man als Leser grad am Esstisch sitzt.

Die Autorin fährt mit dem Leser Zeitgeist-Karussell

Kulinarisch ist auch ihr neuer Roman. «Fleisch» heisst er nicht zufällig wegen der üppigen Liebe zum kulinarischen und sexuellen Fleischgenuss, dem charmanten Spott über Tofu-Kultur und dem obsessiven Blick auf verwelkte Lebenspfunde an den Hüften. Man merkt auf jeder Seite: Die Autorin fährt mit uns Zeitgeist-Karussell. Bis ins Sexuelle unklare Identitäten, cooles Bohème-Getue, neurotisch-spleenige Lebensentwürfe von Grossstädtern. Und über allem die ewige Sehnsucht nach der wahren Liebe.

Der Ton ist schwärmerisch-superromantisch («Lilly rührte Anna bis zur Erschütterung») und gleich danach total abgebrüht. So denkt Anna, nachdem Max sich die Beine aufgeschnitten und selbst verstümmelt hat: «Hätte er sich dafür nicht einfach mal einen Facebook- oder Insta­gram-Account einrichten können? Bestimmt war der Hashtag #tragicteacher noch zu haben.»

Die Auflösung des sachlich-lauwarmen Beziehungsarrangements von Anna und Max katapultiert die zwei Mitvierziger in zwei komplett verschiedene Umlaufbahnen. Anna fällt zuerst ins Bett eines Fernseh-Machos, steuert dann aber zielsicher auf ihren weiblichen Liebesplaneten Lilly zu, die im Bistro um die Ecke kellnert. Max trudelt unterdessen ins Bordell und Simone Meier lässt ihn sich in pathetisch-kitschiger Aufwallung zum Weltmann aufplustern, bevor er abstürzt. Darin zeigt sich eine der vielen Stärken der Autorin: Bei aller abgebrühten Schreibe behandelt sie ihre Figuren warmherzig, sie wachsen einem ans Herz: Unter anderem Lilly, die ihren Bruder Jonas beschützt, der Bilder mit Kacke malt und sich ritzt; die coole Schulpsychologin Sarah; die Kultursekretärin und Facebook-Star Frau Blume.

Kleinbürger-Tragödie und schräge Liebeskomödie

«Fleisch» ist ein Stadtroman gegen die Ödnis des Landes, gleichzeitig eine Kleinbürger-Tragödie und eine romantisch-schräge Liebeskomödie. Wie Meier all das in einer Zürcher ­Studenten-WG nach turbulent-schrillen Umwegen aufeinanderprallen lässt und alle Figuren und Erzählstränge zusammenführt, ist ein grosses Vergnügen. Und ein deftiges dazu: Anna schaut zu Hause Pornos und masturbiert dazu mit einem Vibrator, schnüffelt an ihren Slipeinlagen und nennt den Penis ihres One-Night-Stand «Grand Cru». Zuweilen rast Simone Meier etwas gar hochtourig durch ihre Story, nimmersatt nach coolen Einsichten wie: Ein Second-Night-Stand sei wie zum zweiten Mal Florenz (also die pure Enttäuschung), die leere Wohnung «war eine kalte Sau», die Seminararbeit an der Uni «eine weitere Bullshit-Metastase» und Suizid sei bloss eine philosophische Grösse, frühestens im Alter eine reale.

Hansruedi Kugler

hansruedi.kugler

@tagblatt.ch