Literatur
«Der Wod»: Bestsellerautorin Silvia Tschui schreibt über das Kriegsgebiet Familie

Mit «Jakobs Ross» landete sie vor sieben Jahren einen Bestseller, der mit Luna Wedler in der Hauptrolle bald ins Kino kommt. Auch der Bannkraft von Silvia Tschuis neuem Roman «Der Wod» kann man sich kaum entziehen. Eine Begegnung in Zürich.

Julia Stephan
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Hat schon in ihrem Mundart-Erstling «Jakobs Ross» Lebensentwürfe und Lebensumstände brutal miteinander kollidieren lassen: Silvia Tschui

Hat schon in ihrem Mundart-Erstling «Jakobs Ross» Lebensentwürfe und Lebensumstände brutal miteinander kollidieren lassen: Silvia Tschui

Thomas Meier/
Blick

Es war das Pressefoto einer Kinderleiche, das Silvia Tschuis (47) Gedanken ins Rollen brachten. 2015, die Flüchtlingskrise schlug medial hohe Wellen, hatte das Meer den ertrunkenen Syrer Alan Kurdi an die türkische Mittelmeerküste gespült. Eine Fotografin hatte den Leichnam entdeckt und spontan auf den Auslöser gedrückt. Das Foto ging um die Welt, und Tschui ging es an Herz und Nieren.

«Mich hat dieses Foto tief erschüttert», sagt die Autorin, deren damals vierjähriger Sohn Max nur ein Jahr älter war als der ertrunkene Alan Kurdi. Wie viel Schmerz, wie viel Hass muss dieser Anblick bei den Angehörigen ausgelöst haben?, fragte sie sich. Und: Wo wird sich diese Gefühlsgemengelage später mal entladen?

Romandébut mit Luna Wedler in der Hauptrolle

Über das, was weitergegebene Traumata in den Nachfolgegenerationen alles anrichten, wollte Tschui schreiben. Die Autorin, die als Journalistin beim «Sonntags-Blick-Magazin» arbeitet, stürzte sich beherzt in eine Syrien-Recherche. Um bald zu bemerken, dass die Vergangenheit einen mitteleuropäischen Haushalt ebenso im Würgegriff hält wie eine syrische Flüchtlingsfamilie. Tschui, die 2014 als Romanautorin débutierte, hatte schon in ihrem Mundart-Erstling «Jakobs Ross» Lebensentwürfe und Lebensumstände brutal miteinander kollidieren lassen. Eine geschwängerte und mit einem Knecht zwangsverheiratete Dienstmagd aus dem 19. Jahrhundert kann darin dank ihrer Musikalität ihrem Stand entfliehen. Bis es so weit ist, entlädt sich eruptiv archaische Gewalt. «Jakobs Ross» war nicht nur ein Bestseller, sondern dank einer Inszenierung des Theaterregisseurs Peter Kastenmüller ein Bühnenhit. Nächstes Jahr kommt der Roman ins Kino. Regie führt Katalin Gödrös. Mit Luna Wedler und Max Hubacher in den Hauptrollen ist ihm Aufmerksamkeit gewiss.

Tschuis rasante, multiperspektivische Schreibe sorgt dafür, dass der moralische Kompass dieser Menschen nie stehen bleibt.

Tschuis rasante, multiperspektivische Schreibe sorgt dafür, dass der moralische Kompass dieser Menschen nie stehen bleibt.

Thomas Meier/
Blick / Aargauer Zeitung

Eine hohe Sensibilität für das Beschreiben sozialer Schichten beweist Tschui auch in ihrem Zweitling «Der Wod». Zwischen Zürich und Norddeutschland fächert der Roman eine komplexe Familiengeschichte auf. Tschui, die in Zürich in einem Haus ihrer Mutter lebt, das auf einem mit einem Baustopp belegten Grundwasserfeld liegt und auf dem seit Jahrzehnten alles beim Alten bleibt, läuft beim Spaziergang auf der Zürcher Werdinsel täglich von einem sozialen Milieu ins andere: hier der beschauliche Stadtteil Höngg, dort das rauere Pflaster Altstetten.

Auch im Roman «Der Wod» wird eine Unternehmerfamilie während und nach dem Zweiten Weltkrieg über mehrere Generationen von einer Schicht in die andere katapultiert, angetrieben von einem inneren Dämon, dem «Wod». Der nordische Kriegsgott hat sich in die DNA der Familie geschlichen. Seither können harmlose Sätze über Kartoffeln strafen und töten, denn es hängen an ihnen jahrzehntealte Kriegstraumata. Charlotte, jüngster Spross der Familie, zieht daraus ihre Konsequenzen. Sie lässt ihren Sohn von einem geschichtslosen Spermium in einer Samenklinik zeugen. Doch ausgerechnet dieser geschichtslose Sohn fordert sie nun heraus, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten.

Tschuis rasante, multiperspektivische Schreibe sorgt dafür, dass der moralische Kompass dieser Menschen nie stehen bleibt. Wir durchwandern mit ihnen die Jahrzehnte und sehen sie mal als abstossende Monster, die die Lebenswürfe ihrer Liebsten sabotieren, mal als liebenswerte Geschöpfe, die aus dem Nichts eine Lebensgrundlage schaffen. So wird der Schweizer Ingenieur Fritz im Nazi-Deutschland zum gefeierten Brückenbauer, bei seiner Rückkehr in den ländlichen Jura ein bemitleidenswerter Versager ohne Job und mit unnützem ETH-Abschluss. Andere versuchen den sozialen Abstieg über Heirat zu kompensieren wie die quirlige norddeutsche Verlegertochter Lilli, die während des Krieges jenen Fritz in dessen «Kuhdörp» begleitet, wo ihr die Berge bald den Horizont verstellen. Um finanzkräftige Adelige anzuziehen, inszeniert diese Lilli in Zürich mit Freunden opulente Gesellschaftsabende der Oberschicht. Die Macher des Ibiza-Strache-Videos hätten es nicht besser gekonnt.

Tschui:

«Menschen tun alles Mögliche, damit es die nachfolgende Generation mal besser hat, ich bin mit solchen Geschichten aufgewachsen.»

Hinter ihr liegt eine lange Findungsphase. Nach Kunststudium, Grundstudium in Germanistik und Lehrerausbildung zog die begabte Zeichnerin in den 1990ern nach London, wo sie nach einem Animationsfilm-Studium in einer Produktionsfirma für Grossfirmen wie Nike Filmsequenzen animierte. An der Fussball-WM erreichte sie damit auch mal ein Millionenpublikum.

Alkohol und Bewegung als Zaubermittel

Den «Wod» schrieb die Absolventin des Literaturinstituts Biel während eines Werkstipendiums in nur vier Monaten herunter. Dass zwischen den nüchternen Schilderungen dieser Einzelschicksale immer wieder dieser grossartige magische Realismus wabert, der die Leserschaft schon in «Jakobs Ross» verzauberte, erklärt sie sich selbstironisch so:

«Alkohol hilft. Aber nur selten und nur eine klitzekleine Menge. Folgt daraufhin Bewegung, etwa auf dem Velo, stellen sich plötzlich ganz ungeahnte Ideen ein.»

Wenn Tschui Ende Mai aus ihrem Roman liest, darf man keine normale Lesung erwarten. Mit dem Jazzgitarristen Philipp Schaufelberger gestaltet sie wie schon bei «Jakobs Ross» eine musikalische Soiree, bei der sie auch als Sängerin auftreten wird. Die Musik soll den Zuhörerinnen und Zuhörern in der komplexen Zeitstruktur des Romans Orientierung geben.

Silvia Tschui: Der Wod. Roman. Rowohlt Verlag, 272 Seiten.
Buchpremiere: 27. Mai, Literaturhaus Zürich.