Literatur
Bestsellerautorin Daniela Kriens neuer Roman ist ein fesselnder Ringkampf um eine bröckelnde Ehe

Nach ihrem 2019 erschienenen Bestseller «Die Liebe im Ernstfall» um fünf Frauen zwischen Einsamkeit und Beziehungsfrust legt Daniela Krien «Der Brand» vor. Und erzählt die fesselnde Geschichte eines Paares, für das es nach fast dreissig Jahren Ehe kein Weiter-so gibt.

Peter Henning
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Daniela Krien ist auch mit ihrem zweiten Roman auf Erfolgskurs.

Daniela Krien ist auch mit ihrem zweiten Roman auf Erfolgskurs.

Bild: Jan Woitas/DPA (Leipzig, 7. Oktober 2019)

Dieser Roman ist eine wahre Schatztruhe – randvoll mit literarischen Kostbarkeiten und mühelos zu heben. Denn man muss dafür nicht über tosende Meere schippern, um sagenumwobene Schatzkisten zu finden, sondern bloss zum nächsten Buchladen laufen – und Daniela Kriens neuen Roman «Der Brand» verlangen. Besser noch als in ihrem 2019 erschienenen Erfolgsroman «Die Liebe im Ernstfall», in welchem sie am Beispiel von fünf Frauen mittleren Alters die herrschenden gesellschaftlichen Idealvorstellungen von Zweisamkeit und Liebe auf den Prüfstand stellte, vollführt die 1975 im mecklenburg-vorpommerischen Kaliss geborene Schriftstellerin darin das Kunststück, schwer auf den Seelen ihrer Figuren Lastendes leicht und manchmal geradezu schwebend zu erzählen, ohne es dabei seiner Tiefe zu berauben.

Das abgebrannte Ferienhaus lässt die Ehe kriseln

Man kann nur staunen, wie mühelos sie es tut, nämlich in Sätzen von bezwingender, geradezu süchtig machender Klarheit und leiser Dramatik: «An einem Freitag im August läuft Rahel Wunderlich mit schnellen Schritten die Pulsnitzer Strasse Richtung Martin-Luther-Platz entlang. Den ganzen Weg schon fühlt sie sich leicht, fast unbeschwert und überholt die meisten Passanten mit Schwung. Den Papierkram in der Praxis hat sie erledigt, die Pflanzen gegossen und der Reinigungskraft einen Zettel mit Anweisungen hinterlassen. In ihrer Stammbuchhandlung hat sie ein Buch auf Empfehlung gekauft und eines von Elisabeth Strout, das schon lange auf ihrer Wunschliste stand – eine hochgelobte Mutter-Tochter-Geschichte. Peter müsste in einer Stunde zu Hause sein.» Denn nun soll sie endlich losgehen, die Fahrt in den lange minutiös geplanten Urlaub in einer Hütte in Oberbayern, in den Ammergauer Alpen – drei Wochen nur sie beide, fernab ihrer psychologischen Praxis und der Kreuzgänge des Alltags.

Doch dann erreicht sie die Nachricht des Vermieters – das Ferienhaus sei abgebrannt. «Peter schweigt. Er schüttelt den Kopf, hebt ratlos die Hände. Das kann doch nicht wahr sein!, entfährt es ihm schliesslich. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass man ausgerechnet die eine Ferienwohnung bucht, die kurz vor der Reise abbrennt? Was machen wir denn jetzt?», fragt er. Sie zögert die Antwort hinaus, doch schliesslich siegt ihr Pragmatismus: «Wir fahren in die Uckermark nach Dorotheenfeld, schon morgen.»

TV-Schnulze für Best-Ager wird Vivisektion einer Ehe

Denn ein weiterer Telefonanruf, der Rahel erreicht hat, führt sie schliesslich dorthin. Ihr väterlicher Freund Viktor, den Rahel ihr Leben lang kennt, hat einen Schlaganfall erlitten – und befindet sich bereits in der Reha-Klinik Ahrenshoop. Und so bittet dessen Lebensgefährtin Ruth sie, für drei Wochen den Hof und die Tiere zu hüten und zu versorgen, ehe sie selbst in die Uckermark zurückkehre. Auf den ersten Blick mutet das Ganze wie der Auftakt zu einer ZDF-19-Uhr-30-Mittwoch-Schnulze an, produziert für jene Best- oder Golden-Ager, denen es beim Anschauen von Uta-Danella-Verfilmungen warm ums Herz wird. Schnell aber verwischt dieser Eindruck, als Rahel und Peter, die seit beinahe dreissig Jahren miteinander verheiratet sind, sich auf dem Hof einzurichten beginnen – und das bukolische Setting zum Hintergrund für die Vivisektion einer Ehe wird, wie man sie in dieser psychologischen Genauigkeit und Schärfe lange nicht mehr in deutscher Sprache gelesen hat.

Und plötzlich geraten sie in einen Dialog, bei dem es um alles geht

Wie Sonden senkt Daniela Krien ihre schlanken Sätze zielgenau in die Seelen ihrer verunsicherten Protagonisten, um festzustellen, wie es um ihre weiteren Zukunftsaussichten als Paar bestellt ist. Wie sie es dabei versteht, die sogenannten richtigen, aber zumeist schmerzhaften Fragen zu stellen, das ist famos: Weshalb hat Peter irgendwann aufgehört, mit Rahel schlafen zu wollen, obwohl er sie noch liebt? Und weshalb ist Rahel nicht fähig, sich in veränderter Rolle neben Peter in dem Bild zu sehen, das sie sich von ihrer gemeinsamen Zukunft macht?

Nach und nach gelingt es Daniel Krien, ihre beiden Figuren in einen so noch nicht miteinander geführten Dialog zu verstricken, in dem es plötzlich um alles für sie geht, weil es ein Weiter-so nicht geben kann. Ihnen dabei zuzusehen, wie sie um ihre gemeinsame Zukunft ringen, ist wahrhaft fesselnd. Dabei erwächst die Magie des Ganzen aus dem, was ausgespart bleibt, ungesagt. So erschafft Krien eine Art Vakuum hinter den Worten, in dessen Sog ihre Geschöpfe mit ihrer ganzen Wirklichkeit geraten. Die beiden zu beobachten, wie sie zunächst um Haltung ringen und schliesslich umeinander kämpfen, das ist literarisch wie psychologisch betrachtet ein grosser Genuss.

Daniela Krien: Der Brand. Roman. Diogenes, 272 Seiten

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