LITERATUR: Beethoven im Führerbunker

Seine Novellen sind Meisterwerke und leuchten ins unglückliche Leben. Heute wird der deutsche Schriftsteller Hartmut Lange 80 Jahre alt. Der in Berlin geborene Autor emigrierte 1965 aus der DDR in die BRD.

Hans-Dieter Fronz
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Es ist ein seltsames Phänomen: Da erhält einer für seine Bücher von der Kritik regelmässig Bestnoten, wird insbesondere für seine Novellen gerühmt, die manch einen Rezensenten in einem Atemzug mit den Erzählungen Heinrich von Kleists oder Edgar Allen Poes nennen; richtig berühmt wird er dadurch aber nicht. Hartmut Langes Bücher sind in den namhaftesten Verlagen erschienen: Suhrkamp, Rowohlt, Diogenes. Den Status eines Grossschriftstellers aber hat er nie erlangt. Dabei fehlt es nicht an bedeutenden Auszeichnungen. Geboren in Berlin-Spandau am 31. März 1937, studierte Lange an der Deutschen Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg Dramaturgie und begann 1961 als Dramaturg am Deutschen Theater in Ost-Berlin; sein erstes Theaterstück, «Senftenberger Erzählungen oder Die Enteignung», lag da bereits vor. 1965 ging er in den Westen und arbeitete als Dramaturg und Regisseur unter anderem für das Berliner Schiller-Theater.

Erzählungen am Rande des Todes

Langes erste Novelle, «Die Waldsteinsonate», ein schlankes Meisterwerk, das ihm 1989 den französischen Prix de la littérature traduite eintrug, hat der Diogenes Verlag anlässlich des Jubiläums jetzt neu aufgelegt. Die fünf Geschichten handeln – eingedenk nicht zuletzt der Katastrophe der beiden Weltkriege – von existenziellen Grenzsituationen. «Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen.» Auf die Figuren der Novellen bezogen ist dieses Motto des Bandes fast eine Untertreibung. Es sind nicht unglückliche, sondern allerunglücklichste Menschen. Wie Friedrich Nietzsche, den die einleitende Erzählung in den ersten Tagen seiner Geistesverwirrtheit in Turin begleitet. Die Novelle erzählt aus der Perspektive eines Grössenwahnsinnigen, der glaubt, Gott zu sein und ein «inwendiges Ausufern ins Unendliche» an sich wahrnimmt.

Nie hat man seit Büchners «Lenz» Sätze wie diesen gelesen: «Er ging die vier, fünf Schritte in seinem Zimmer auf und ab wie jemand, der sich darin gefällt, nicht durch die Wände zu gehen.» Gleichzeitig ist es dem Erkrankten, als wäre er gekreuzigt. Die zweite Erzählung begleitet zwei Menschen am Rande des Todes: Kleist und Henriette Vogel vor ihrem Doppelselbstmord am Wannsee. Surreale Ausdruckskraft wohnt der Titelnovelle inne. «Die Waldsteinsonate» lässt Franz Liszt im Bombenhagel auf Berlin wiederauferstehen und im Führerbunker vor Magda Goebbels Beethoven spielen. Ebenfalls ein literarischer Höhepunkt ist die abschliessende Novelle über ein ungewöhnliches, ein undenkbares Liebespaar: Eine Jüdin lustwandelt nach ihrem Tod mit ihrem Mörder in der Morgendämmerung am winterlichen Grunewaldsee bei Berlin.

Langes literarisches Werk besteht aus einem guten Dutzend Dramen, aus Essaybänden wie «Irrtum als Erkenntnis», sowie Mischformen aus Essay und autobiografischem Text wie «Deutsche Empfindungen. Tagebuch eines Melancholikers» (1982); hauptsächlich jedoch aus Prosatexten, einer Handvoll Romane und Novellen, die seinen literarischen Rang begründen.

Hans-Dieter Fronz

focus@tagblatt.ch