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Bei Anna Stern wird Literatur zum spielerischen Medikament

Nach dem 3sat-Preis im Sommer 2018 gilt Anna Stern als Nachwuchshoffnung der Schweizer Literatur. Als Doktorandin an der ETH Zürich untersucht sie Antibiotikaresistenzen. Auch in ihrem neuen Roman spielt das Verhältnis von Leben und Wissenschaft eine zentrale Rolle.
Hansruedi Kugler
Anna Stern begutachtet im Chemielabor an der ETH in Zürich einen Stamm mit antibiotikaresistenten Keimen. (Bild: Thomas Hary)

Anna Stern begutachtet im Chemielabor an der ETH in Zürich einen Stamm mit antibiotikaresistenten Keimen. (Bild: Thomas Hary)

Die Warnung hätte man eigentlich ahnen müssen: «Bei uns im Labor herrscht Biosicherheits­stufe 2», sagt Anna Stern. Handschuhe und Labormantel sind Pflicht, bei manchen Versuchen auch Masken. Besucher brauchen eine Sondergenehmigung. Für diese gilt: «Nichts anfassen – und vor allem: Nichts schlucken!» Anna Stern untersucht an der ETH in Zürich antibiotikaresistente Bakterien und wie sich deren Resistenzen in verschiedenen Umgebungen behaupten. Einige dieser Kolibakterien sind aggressive Dinger, die resistent gegen mehrere herkömmliche Antibiotika sind. «Wenn Sie ein einzelnes dieser Bakterien schlucken, passiert in den meisten Fällen nichts», sagt die in Rorschach ­geborene Forscherin und lächelt. «Die Infektionsdosis hängt vom Bakterium ab. Bei manchen braucht es zwischen tausend und hundert Millionen Zellen, bei ­anderen reichen zehn.»

In der Germanistik fehlte ihr die Rationalität

Ihre Faszination für Biologie ist auch spürbar, wenn Anna Stern von Parasiten erzählt, die bei Tieren zum Beispiel das Wachstum stören, sodass ein Frosch etwa mit sechs Beinen geboren wird. Das Foto eines solchen Froschs hat Anna Stern auch in ihren Roman integriert – und wirkt dann ziemlich unheimlich. Die zurückhaltende und ein wenig scheu wirkende Autorin geniesst es, den Besucher damit zu überrumpeln. Ihr breites Wissen um naturwissenschaftliche Phänomene setzt Anna Stern wirkungsvoll auch in ihrer Literatur ein. So erfuhr man im Krimi «Der Gutachter» eine Menge über das Ökosystem Bodensee, über Phosphorgehalt, Algenwachstum und die Probleme der Fischerei. Eine hellwache, zeitkritische Forscherin, die auch sagt: «Vielleicht verlieren wir den Wettlauf mit den resistenten Bakterien.» Naturwissenschaften und Literatur sind für sie gleich wichtige Standbeine. Germanistik aber hat sie nach einem Semester abgebrochen: «Das war mir zu vage, mir fehlte die rationale Welt der Zahlen.» In der Mikrobiologie gab es ein Spannungsfeld zu entdecken: erklärbare Phänomene, die nicht völlig beherrschbar sind. Wie die sich verändernden Bakterien.

Figuren sind zerrissen von ihren Erinnerungen

Das ist auch eine Spannung, die ihre Figuren aushalten müssen. So im neuen Roman «Wild wie die Wellen des Meeres» die junge Wissenschafterin und Vogelexpertin Ava, die mit ihrer Schwangerschaft ringt und mit ihrem extrem unsteten Gemüt sowie düsteren Kindheitserinnerungen eine explosive Beziehung zum vernunftgesteuerten Polizisten Paul Faber führt. Mit ihm ist sie fast geschwisterlich aufgewachsen. Dessen Familie hatte Ava als Pflegekind aufgenommen. Ein Liebespaar wurden Paul und Ava, als er 22, sie aber erst 14 Jahre alt war. Paul ist deshalb für Ava gleichzeitig Bruder, Vater, Liebhaber. Die Hinwendung zur Wissenschaft ist psychologisch spannend motiviert als Flucht vor dem inneren Chaos, als Suche nach der Erklärbarkeit des Lebens – ihre Flucht auf eine schottische Forschungsstation führt schliesslich zur Klärung und zur psychischen Gesundung.

Gekonnter Montageroman

«Wild wie die Wellen des Meeres» ist ein Montageroman mit viel Personal, der zeitlich vor und zurück springt und so nach und nach wie ein Puzzle Avas schwierige Persönlichkeit erhellt. Gekonnt und abwechslungsreich überlagern sich dabei Albträume, Visionen und Erinnerungen. Unterbrochen sind die Erzählfragmente durch Songtexte (etwa von Elvis Costello), handschriftliche Briefe, Notizzettel und Fotos. Viele stammen aus Sterns Familienalbum. Mit Autobiografie und Fiktion treibt sie ein Spiel, Nabelschau ist ihre Literatur aber nicht. Sie montiert gezielt Gegensätze: etwa zwischen Rationalität und Emotionalität oder nur schon durch die Namen Faber (der Tätige) und Ava (Kraft, Eva).

Sprachlich gelegentlich allzu nüchtern

Anna Stern lässt sich als Erzählerin angenehm viel Zeit, hält die Spannung über die mehr als 400 Seiten aber nicht immer aufrecht. Mit der nüchternen Sprache mag man Mühe haben. Die einfachen Hauptsätze wirken gelegentlich bloss wie nüchterne Regieanweisungen. In einigen Passagen wird die Geschichte zudem etwas rührselig. Die Faszination für biologische Phänomene birgt aber überraschende Pointen: «Bakterien haben auch ihre ­guten Seiten», sagt Ava zu Paul. Wenn man Anna Sterns Bücher liest, denkt man: Hier versteht jemand Literatur als Medikament gegen Lebenskatastrophen.

Bachmannpreis war eine Achterbahnfahrt

Einen Ausschnitt aus dem Roman hat Anna Stern beim Bachmannpreis gelesen, wo sie den 3sat-Preis gewonnen hat. Sie verdreht die Augen: «Ein Zirkus für die Jury und die Medien.» So ausgestellt zu sein, behagt ihr nicht. Die harte Ablehnung ihres Textes durch einige Juroren war wohl ein Schlag ins Gesicht. «Eine Achterbahn», sagte sie danach. Ihre Produktivität aber ist ungebremst, trotz 80-Prozent-Doktorat. Ein weiteres fertiges Manuskript liegt schon seit letztem Sommer bei ihrem Verleger.

Hinweis
Anna Stern: Wild wie die Wellen des Meeres. Roman. Salis Verlag, 420 S., Fr. 32.– Lesung: Do, 24.1., 19.30 Uhr, Café Treppenhaus, Rorschach

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