LITERATUR: Als Halbamerikaner in Solothurn

Wie erlebt ein Autor die Literaturtage? Wir haben den St. Galler Christoph Keller begleitet: Von Politdiskussionen, Rollstuhlslalom, ärgerlichen Moderatorenfragen zu glücklichen Begegnungen.

Hansruedi Kugler
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Christoph Keller bei seiner «Vor dem Aussenpodium»-Lesung an den Solothurner Literaturtagen. (Bild: Mirjam Bächtold)

Christoph Keller bei seiner «Vor dem Aussenpodium»-Lesung an den Solothurner Literaturtagen. (Bild: Mirjam Bächtold)

Hansruedi Kugler

hansruedi.kugler@tagblatt.ch

Neun Jahre war er nicht mehr hier. Ob mit dem Rollstuhl alles klappt? Trotzdem: Keine Spur von Hektik oder Nervosität. Christoph Keller sieht sehr zufrieden aus. Er steuert seinen Rollstuhl (Keller hat eine fortschreitende Muskelkrankheit) über die Aarebrücke auf die Solothurner Altstadt zu. Strohhut auf dem Kopf, Tasche auf den Knien. Seine Frau, die New Yorker Lyrikerin und Professorin für creative writing Jan Heller Levi, begleitet ihn. «Obama President 2008. Keep hope alive» steht auf dem auffälligen Button an ihrer Bluse. «Wollen wir wetten, dass die USA Trump bis zum Dezember los sein werden?», fragt Christoph Keller. Der St. Galler Autor ist unterdessen «Halbamerikaner», lebt abwechselnd in New York und St. Gallen. Schon dreimal las Keller an den Literaturtagen, zuletzt 2008. «Seither habe ich den Kontakt zur Schweizer Literaturszene ein wenig verloren.» Deshalb freue er sich auf Entdeckungen und alte Bekannte. Eingeladen ist Keller wegen seines neuen Romans «Das Steinauge&Galapagos». In Gesprächen mit Jurymitgliedern zeigt sich schnell, dass diese sehr begeistert waren: «Die kunstvolle Art, wie er Erinnerung in Frage stellt und der Kunstgriff, dass er in mehreren Kurzerzählungen auf die Handlung des Romans Bezug nimmt, hat uns sofort fasziniert», sagt etwa Christoph Kuhn, der Kellers Lesung am Samstag moderiert. Die Auswahl der Texte besorgt eine zehnköpfige Jury, die alle eingeschickten Schweizer Neuerscheinungen sichtet.

«Eigentlich betreibe ich Etikettenschwindel»

Alle lesenden Autorinnen und Autoren sind drei Tage Gast in Solothurn, inklusive Hotel, Verpflegungsgutscheinen, Festivalpass und dem gemeinsamen Autorenessen am Samstagabend. Das gehört zur familiären Atmosphäre. Solothurn ist keine Büchermesse, Verleger und Autoren hetzen nicht von Termin zu Termin, sondern geniessen Zufallsbegegnungen – in der engen Gasse zwischen Landhaus und Restaurant Kreuz, dem Zentrum der Literaturtage. Auch Christoph Keller hat nur einen Termin vereinbart: Mit der Literaturredaktorin Luzia Stettler von Radio SRF. Ende Juni werden sie das Gespräch für die Sendung «52 beste Bücher» aufzeichnen, das am 9. Juli gesendet wird.

Zuerst aber geht es zu «Literatur im Dunkeln»: Bevor Keller am Abend selbst lesen wird, will er den jungen Mundartautoren Michael Fehr hören. Da gilt es, den Lift zu finden und den Rollstuhl im abgedunkelten Raum zu platzieren. Das Literaturtage-Team hat sich um alles gekümmert. Sogar das traditionelle Autorenessen wurde kurzerhand vom Kreuz in den rollstuhlgängigen Adler verlegt. Keller schwärmt von Michael Fehr, der seine Texte auswendig vorträgt: «Ich war noch nie an einer Lesung so aufmerksam wie hier.» Die Dunkelheit und die Stille ermöglichten eine einzigartige Konzentration. Jan Heller Levi ergänzt: «Fehr inhabits his stories», er bewohne also gleichsam seine Geschichten.

Am frühen Abend dann der erste kurze Auftritt von Keller – Aussenpodium, ein offener Bauwagen. «Eigentlich betreibe ich Etikettenschwindel», sagt er augenzwinkernd zum Publikum. Im Rollstuhl vor dem Wagen sitzend sei das eher eine «Vor dem Aussenpodium-Lesung». Typisch für seinen selbstverständlichen Umgang mit seiner Behinderung. Nach der Lesung gratuliert ihm der berühmte deutsche Autor Volker Braun für die gelungene Lesung. Im Publikum sitzen alte Bekannte: Kellers slowenischer Übersetzer Slavo Serc, der in Slowenien Radiosendungen über ihn realisiert hat, sowie ­Gabriela Eigensatz und Maya ­Floess, die als Kulturbeauftragte des Bundes in New York tätig waren und Keller von dort kennen. Das gemeinsame Abendessen wird sich in die Länge ziehen.

Ein Koffer voller Buchent-deckungen für den Heimweg

Seine Hauptlesung beginnt Christoph Keller am Samstag mit einem Gedicht der Lyrikerin Muriel Rukeyser aus dem Jahr 1975. In «Saint Roach» (Heilige Schabe) wird der Kampf gegen Kakerlaken zur Metapher für Rassismus, den Hass auf andere und deren rhetorische Entmenschlichung. Ein brandaktuelles Gedicht, meint Keller, denn: «Als einer, der unter Obama zum Amerikaner geworden ist, macht einem das Land derzeit gewaltig zu schaffen.» Wunderbar, wie er dann mit ruhiger, warmer Stimme den Anfang seines Romans liest. Einen einzigen Moment erlebt man Keller verärgert: «Was mein Buch für eine Form hat, war wirklich keine interessante Frage des Moderators. Es ist halt ein Roman. Und ein moderner Roman darf alles», sagt er nach der Lesung. Den 2006 entstandenen Dokumentarfilm über ihn, sein Schreiben und seine Behinderung, lässt Keller aus. Lieber geht er nochmals zu Michael Fehr und zu weiteren Autorenlesungen, die ihn wie ein roter Faden durch die Literaturtage begleiten: «Das Andere». Die Bücher von Olga Grjasnowa, Shumona Sinha, Ilija Trojanow und Asli Erdogan finden sich später dann im Koffer, den er am Sonntag wieder mit nach St. Gallen nimmt – «das waren gute Tage», sagt er.

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