LITERARISCHES JAHRBUCH: Japan liegt hinter dem Bodensee

Das Kloster Salem ist der Fixstern des vierten «Mauerläufers». Er vereint erneut ­ausgesuchte Prosa, Lyrik und Kunst aus dem erweiterten Bodenseeraum. Pures Lese- und Sehvergnügen.

Dieter Langhart
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Die Grafikerin Eva Hocke hat auch den vierten «Mauerläufer» gestaltet. (Bilder: PD)

Die Grafikerin Eva Hocke hat auch den vierten «Mauerläufer» gestaltet. (Bilder: PD)

Dieter Langhart

dieter.langhart@tagblatt.ch

Inseln, Klöster, Zirkel, Zellen: Ihnen gemeinsam ist die Abgrenzung: Wer kommt rein, wer bleibt draussen? Mauern, Wasser (also Bodensee und Rhein), Menschengruppen – sie alle können trennen, ausschliessen. Und ­davon handeln die gut sechzig Texte im «Mauerläufer», diesem wunderbar reichen und vielfältigen und herausragend gestalteten Jahrbuch. Geschrieben haben die Prosastücke und Gedichte Schriftsteller von Stuttgart über Müllheim und Frauenfeld bis Zürich und Schriftstellerinnen von Freiburg im Breisgau über Freidorf und St. Gallen bis Bregenz.

Unter ihnen alte Hasen wie Beat Brechbühl und Wortspielerinnen wie Zsuzsanna Gahse, ­lokale Bekannte wie Andrea ­Gerster, Heinrich Kuhn und Hans Gysi, ausgewanderte Thurgauer wie Stefan Keller und eingewanderte Kölner wie Jochen Kelter.

Das schöne Federkleid des ­«Mauerläufers»

Das Credo des literarischen Jahrbuchs ist geblieben: «regional, radikal, randständig», wie Mitherausgeber Kelter in seinem Nachwort schreibt. Angekommen sei der «Mauerläufer», nun gelte es, die Flughöhe zu halten. Stolz ist man über dein Eintrag in die Longlist der schönsten deutschen Bücher der Stiftung Buchkunst bereits mit der zweiten Ausgabe 2015 – dank der Grafikerin Eva Hocke und der beteiligten Künstler, die den vier Jahrbüchern ein schönes und wiedererkennbares Federkleid gegeben haben.

Fünf Kapitel gliedern das Buch, und wiederum lockt jedes mit einer schrägen Überschrift, das den Titel oder einen Satz eines seiner Texte zitiert. Dem Motto «Inseln Klöster Zirkel Zellen» kommen die drei inneren Kapitel am nächsten: «Früher schliefen hier Nonnen», «Sie hatte die schönsten Haare von allen» entlang der Klosterkette, «Und die Hirsche knabbern an der Unsterblichkeit» über das Sterben und den Tod. Doch die eingereichten Texte bleiben, bei aller bisweilen erkennbaren thema­tischen oder stilistischen Verwandtschaft, eigenständig und eigenwillig. Und dies macht den «Mauerläufer» zu einem Lesevergnügen.

Wie ein Fritz Reutemann «an Wortwänden feilen»

so long marianne / verabschiedet sich leonard still und leise / und bobby bleibt nobel zu hause schreibt Hajo Fickus in seinem Gedicht «nach einer wahl (zombies)»; gemeint ist Donald T. Ein anderer politischer Poet ist Fritz Reutemann, 1947 auf der Insel Lindau geboren. Zwei Gedichte sind abgedruckt, und Hanspeter Wieland ehrt den Dichter, den der St. Galler Literaturprofessor Mario Andreotti als einer der wenigen nicht vergessen und ihn in seinem «Sprachlabor an Wortwänden feilen» gesehen hat. Der nur ein Jahr jüngere Wieland verweist auf den Mut und die Auseinandersetzung der Nachkriegsler «im Wissen und im Vertrauen darauf, dass Auseinandersetzung – sonst ist es keine – alle daran Beteiligten verändert, also uns endlich auch».

Blättern wir durch das Gefieder des Mauerläufers. In der Erzählung «Etwas» schreibt Sylvia von Keyserling (1951, Stuttgart) in der Ich-Form aus der Sicht eines dementen Mannes, den seine Mutter und sein Sohn Jochen besuchen. Der erste Satz: Sie wollen, dass ich mich erinnere. Der letzte Satz: Ich lächle und sage, guten Tag! Zartbitter, fein ziseliert. Ebenso «Verwundungen» von Elli Mattar (1955, Meersburg). Ein Mann besucht seinen alten Vater, zehn Jahre nach dem Tod seiner Mutter, und sieht die Entfremdung bestätigt. Beim Gehen: Dass du hierher gefunden hast, murmelt er hinter meinem Rücken, als er mir in den Mantel hilft. Ich stehe in der Tür, möchte ganz plötzlich ein mageres, verschlossenes Gesicht streicheln, die Hand schon erhoben, ich lasse sie wieder sinken.

«Von der Weisheit der Wörter» schreibt der seit 2015 in Deutschland lebende Syrer Dersim Ahmed und hält uns einen Spiegel vor: Wir sind im Gefängnis der Sprache. Unsere Wahrnehmungen, Gefühle und Beziehungen von den Wörtern begrenzt. Um unsere Gefühle und Beziehungen besser zu verstehen, sollte man weit an die Grenzen der Sprache gehen, dahin, wo die Abstammungen der Wörter, der Gefühle und das Unterbewusstsein entstehen.

Klausuren und bröckelnde Hustengeräusche

Das dritte, das mittlere Kapitel «Sie hatte die schönsten Haare von allen» umkreist am schönsten das Thema des vierten «Mauerläufers». Katrin Seglitz (1960) aus München ist Mitherausgeberin und fasst in «Die Stille beheimaten in sich» ein Gespräch mit Schwester Birgitta von den Franziskanerinnen im Kloster Reute zusammen und begegnet in einem zweiten Text der Alten Lisel auf Schloss Salem. Gabriele Loges geht «In Klausur» auf Frauenchiemsee, der Insel der Frauen, Jutte Weber-Bock ebenso, nur kürzer und nüchterner. Und Walle (Walter-Hermann) Sayer aus Horb zeigt in einem Kurztext das Dormitorium des Klosters Bebenhausen: Mit einem Kältehauch zugedeckt, liegt auf der Strohmatratze von Zeittafeln Abgewandtes, nachlauschend dem, was sich unhörbar kaum vernehmen lässt: bröckelnde Hustengeräusche aus den Schlafzellen nebenan, das aufgeschreckte Nagewesen im Inneren der Jahre, die winzigen Stimmunebenheiten im Gebetsmonotonen, Klopfzeichen, traumentfernte, aus der eigenen Schädeltiefe, und die zu weite Mönchskutte, ihr Nachschleifen auf dem Stein­boden des Ganges.

Von scheiternden Verlagen und persönlichen Inseln

1725: Der Thurgauer Historiker und Journalist Stefan Keller zeigt uns das älteste Buch, das er besitzt. Es beschreibt die Einweihung der neuen Kirche des Klosters Weingarten in Oberschwaben im Jahr zuvor. Und Keller erinnert sich in lapidaren Sätzen, wie er vor Jahren am Fusse dieses Klosterhügels in einem Verlag ­gearbeitet hatte: Wir wollten das Bodenseegebiet nicht mehr bloss als Ansammlung verschiedener Randregionen betrachten. Nach vier Jahren gingen wir in Konkurs. Was in ihrem «scheiternden linken Kleinverlag» dennoch erschienen war: die kleine Schrift des Adalbert Nagel, eines Paters im Kloster Weingarten.

Das letzte Kapitel weitet den Blick, der «Mauerläufer» fliegt über den Bodensee hinweg. Nach Kolumbien in Jochen Kelters sieben Gedichten; nach Italien in Wolfgang Bleiers «Himmelfahrt in der Stadt des Lichts»und Irène Bourquins «Maskengesicht»; in Beat Brechbühls Gedichten nach Japan und Orkney – und zum Schluss des Buchs: Meine persönliche Insel ist die Frau die / bei mir ist und ich bin bei ihr / Du&ich sind / ganz Viele manchmal.