Literarischer Herzschlag einer Stadt

«Schüchtern hingeschaut II» vereint 21 junge Autorinnen und Autoren in einem Taschenbuch. Es wurde vom Jugendsekretariat St. Gallen initiiert, von Lukas Hofstetter umgesetzt und begleitet von Etrit Hasler und Christine Fischer.

Michael Hasler
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Der Jugend liegt eine literarische Kraft inne, die ein Geheimnis birgt, dass sie sich mitunter nicht einmal selbst erklären kann. Um diese These zu stützen, kann man, muss aber nicht, die jungen Schreibgenies des Sturm und Drangs bemühen. Oder man reiht Autorennamen wie Ethan Hawke («Hin und weg»), Paolo Giordano («Einsamkeit der Primzahlen»), Benjamin von Stuckrad-Barre («Soloalbum») oder auch «Zwölf» von Nick McDonell aneinander, die allesamt starke, kraftvolle, treibende und doch kluge Texte in ihren frühen Zwanzigern publizierten.

Dass sich mit Lukas Hofstetter, Mitinitiant und Projektleiter des am Wortlaut-Fest getauften Taschenbuchs «Schüchtern hingeschaut II» zusammen mit dem Jugendsekretariat jemand daranmachte, auch den literarischen Puls junger St. Galler Autorinnen und Autoren einzufangen, ist ein Glücksfall.

Über 70 Interessierte

Denn knapp anderthalb Dekaden mussten die städtischen Philologen warten, ehe «Schüchtern Hingeschaut I» (1996), damals ebenfalls vom Jugendsekretariat initiiert und von Roberto Bertozzi begleitet, einen Nachfolger fand.

Die Ausschreibung erfolgte aktuell hauptsächlich via Flyer, die mit wenigen Inseraten flankiert wurden. «Dass sich über 70 Schreibende bei uns gemeldet haben, empfand ich als kleine Sensation», gesteht Lukas Hofstetter. «Wir waren sehr zurückhaltend mit unserem Aufruf zum Schreiben und spürten bald, dass es durchaus eine junge Generation gibt, die ihre Texte publizieren möchte», erzählt Hofstetter.

Für die Jury konnten der Poetry Slammer und «Dichtungsring»-Initiant Etrit Hasler und die St. Galler Autorin Christine Fischer gewonnen werden. Zusammen mit vier jungen Buchhändlerinnen sedimentierte die sechsköpfige Jury aus den eingereichten Texten 21 Autorinnen und Autoren, die als Quasi-Anthologie in einem Taschenbuch vereint sein sollten.

Ein ehrliches Panoptikum

Mit der Auswahl war die Arbeit von Hasler und Fischer nicht getan: Sie stellten sich auch als Coaches für die Überarbeitung der eingereichten Texte zur Verfügung. Parallel dazu koordinierte Hofstetter die grafische Umsetzung des visuell ansprechenden Buches mit dem jungen St. Galler Grafiker Fabian Harb. Lektoriert wurde das 145seitige Buch überdies von Florian Vetsch, gedruckt vom Schwalbenverlag St. Gallen.

Ein kluges Projekt garantiert noch keine ansprechende Literatur. Doch «Schüchtern hingeschaut II» erfüllt in der vorliegenden Form die Hoffnungen aller Beteiligten. Als ehrliches, ungeschöntes Panoptikum gewähren die 21 Autorinnen und Autoren Einblick in die Ruhelosigkeit ihrer pulsierenden Leben. Sehnsüchte werden formuliert, gegen die Angst wird angeschrieben, Orientierung im Verlorensein der sich rasant verändernden Welt gesucht, oder auch innegehalten und nachgedacht.

Verführerischer Sog

Formal vereint das Buch klassische Short Stories, Lyrik, einen Briefwechsel und gar ein gross angesetztes Oratorium. Natürlich ist die Textqualität divers, sprachlich oft noch etwas inhärent; doch geht ein Sog, eine Magie von diesen jugendlichen Welten aus, wovon man sich gerne verführen lässt. Mit etwas Glück wird das Taschenbuch für den einen oder die andere zu einer Durchgangsstation auf ihrem weiteren Weg.

Eine Stadt, die das Buch zu einem ihrer Leitmotive stilisiert und seit Jahren (abseits der Poetry-Slam-Szene) auf einen jungen Roman wartet, wäre dies eigentlich ein überdringliches Begehren.

Schüchtern hingeschaut II, Taschenbuch, Jugendsekretariat St. Gallen, erhältlich in den Buchhandlungen Comedia, Rösslitor und Zur Rose