Lisbeth Salander lebt weiter

Das Buch, das Chancen hat, der Bestseller des Jahres zu werden, ist auch das umstrittenste: «Verschwörung» führt Stieg Larssons «Millennium»-Trilogie um Hackerin Lisbeth Salander fort.

Julia Wäschenbach/sda
Drucken
Teilen
Autor David Lagercrantz bei der Präsentation des vierten «Millennium»-Buches in Stockholm. (Bild: ky/Fredrik Sandberg)

Autor David Lagercrantz bei der Präsentation des vierten «Millennium»-Buches in Stockholm. (Bild: ky/Fredrik Sandberg)

David Lagercrantz hat es gewagt, Stieg Larssons «Millennium»-Tri- logie fortzuschreiben. Herausgekommen ist zunächst einmal ein packender Plot: Ein führender Forscher auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz wird ermordet, kurz bevor er ein grosses Geheimnis mit dem Journalisten Mikael «Kalle» Blomkvist teilen will. Dem Hackergenie Lisbeth Salander, gemäss Larsson eine moderne Pippi Langstrumpf für Erwachsene, gelingt es, in das System der NSA einzudringen. Dass das nicht vorrangig geschieht, um die Verstrickungen des Nachrichtendienstes aufzudecken, wird erst viel später klar.

Glatter und weniger wütend

In glatterem Stil als der linke Enthüllungsjournalist Larsson erzählt Journalist Lagercrantz eine spannende Verschwörungsgeschichte, etwas weniger düster und wütend, als es wohl der «Millennium»-Schöpfer getan hätte. Dabei ist Lagercrantz doch sorgsam um dessen Vermächtnis bemüht, nicht nur, weil er das Böse in Abgrenzung zum Guten genauso klar beim Namen nennt: Der Überwachungsstaat macht paranoid, in Schweden halten Armut und Rechtsextremismus Einzug, und Blomkvists investigatives Magazin «Millennium» ist von der «Sklaverei kommerzieller Kräfte» bedroht, als ein geldgieriger Medienkonzern Anteile übernimmt.

Eine weichere Salander

In «Millennium 4» bleibt die übernatürlich kluge Salander die Rächerin der sozial Schwachen und Retterin der Unverstandenen. Der Leser aber lernt – und ja, das ist ungewohnt – eine weichere Lisbeth Salander kennen. Sie ist mehr Mensch als übermächtige Fantasyheldin. Blomkvist bleibt der linke Moralist, auch wenn ihn plötzlich Zweifel plagen, ob er im Journalismus noch richtig ist. Ob Stieg Larsson das gefallen hätte, ist zumindest in Frage zu stellen.

«Literarische Schweinerei»

Es gab das Gerücht, Larsson habe vor seinem Tod an einem vierten Band geschrieben, aber seine Lebensgefährtin wolle das Manuskript nicht herausrücken. Lange hatten auch Larssons Bruder und Vater den Anschein erweckt, das literarische Erbe des «Millennium»-Autors nicht anrühren zu wollen. «Man stelle sich vor, jemand anders würde an einem halbfertigen Picasso weitermalen», hatte Larssons Bruder Joakim einmal gesagt. Jetzt liessen die beiden doch zu, was die schwedische Schriftstellerin Kristina Ohlsson als «literarische Schweinerei» und Larssons Freunde aus Kindertagen als «Grabplünderung» verurteilen. Trotz aller Buhrufe dürfte sich «Millennium 4» blendend verkaufen. 2,6 Mio. Exemplare sind gedruckt, um den Durst von Larsson-Fans und Lagercrantz-Kritikern zu stillen. Und das Ende von Band 4 lässt viel Platz für einen möglichen Band 5.

Fehlende Aura?

In Schweden fiel jedoch «Verschwörung» prompt in Ungnade. Ein Journalist der Zeitung «Uppsala Nya Tidning», der das Werk durch ein Missgeschick schon am Mittwoch in den Händen hielt, urteilte, es handle sich bei «Verschwörung» zwar um einen Allerweltskrimi. Einen Autor mit einem solchen Welterfolg kann man nicht kopieren und Erwartungen von vielen Millionen Fans gerade in Schweden wohl nur enttäuschen. Man könnte Lagercrantz also für verrückt halten. Aber sein Mut hat sich gelohnt. Dem Schweden ist ein lesenswerter Thriller mit eigener Berechtigung gelungen.

David Lagercrantz: «Verschwörung», Heyne-Verlag 2015, 608 Seiten, Fr. 30.90