Liegende und stehende Sünden

Die Bachkantate «Aus der Tiefen rufe ich…» wird in Trogen zum glasklaren Klangerlebnis.

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Eine Bachkantate in Trogen ohne den einführenden Workshop ist wirklich nur das halbe Vergnügen. Immer wieder beeindruckend zu sehen und zu hören, wie es Pfarrer Karl Graf und Rudolf Lutz, dem musikalischen Leiter der Bach-Stiftung St. Gallen, gelingt, die komplexe Schönheit der Kantaten vor den Zuhörern aufzutun.

Gottesdienst in einer Kantate

So wies Lutz am Freitagabend darauf hin, wie die vier Solisten in der Kantate «Aus der Tiefen rufe ich, Herr, zu dir», BWV 131, wirklich «aus der Tiefe» rufen. Und wie sehr schon der 21jährige Bach in diesem Frühwerk eigene Akzente setzt. Launig fordert Lutz Pfarrer Graf zu einem kleinen Exkurs über «liegende und stehende Sünden» auf, während Graf die spannende These aufstellte, in dem Werk sei der gesamte Ablauf eines Gottesdienstes abzulesen. So gerüstet ist es für die Zuhörer umso faszinierender, dem Werk danach gleich zweimal lauschen zu dürfen. Uneingeschränkt gutheissen kann man die Entscheidung, auf einen Chor zu verzichten und die entsprechenden Passagen im zweiten und vierten Satz nur solistisch zu besetzen. So gerät der zweite Satz zu einem faszinierenden Dreiklang aus Bass-Arie, sie umschmeichelnder Oboe und dem vom Sopran vorgetragenen Choral, der sich wie ein seidener Klangschal um die Bitte um Vergebung schlingt. Für Kenner überflüssig zu sagen, dass mit Andreas Helm an der Oboe, Sopranistin Guro Hjemli, Bass Markus Volpert, Alt Jan Börner und Tenor Makoto Sakurada Könner am Werk waren.

Spezialisieren für Fortschritt

Die Psychotherapeutin Nitza Katz-Bernstein nannte in ihrer Reflexion die menschliche Fähigkeit zur Spezialisierung einen der Pfeiler des Fortschritts. Ihre Worte zu Phonetik und Semantik, zwei Aspekte der Kommunikation, waren aber wenig tiefschürfend.

Valeria Heintges

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