Lied für Lied der Welt abhanden kommen: Die Bregenzer Festspiele schrumpfen zu «Festtagen» - nach allen Regeln der Kunst

Kein Spiel auf dem See und keine grosse Hauspremiere - stattdessen erlebt das Publikum zum Auftakt der Bregenzer «Festtage im Festspielhaus» mit dem Bariton Florian Boesch und der Musicbanda Franui einen Liederzyklus voll Lebenslust, Hingabe und Galgenhumor.

Bettina Kugler
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Florian Boesch singt Schubert, Brahms und Mahler - mit der Musicbanda Franui tönt das nach Jazz, Klezmer, Gipsy, aber nie nach einem steifen Liederabend.

Florian Boesch singt Schubert, Brahms und Mahler - mit der Musicbanda Franui tönt das nach Jazz, Klezmer, Gipsy, aber nie nach einem steifen Liederabend.

Bild:Anja Koehler / andereart.de

Einen Sommer ohne «Winterreise» mutet die Coronakrise dem treuen Schubertiade-Publikum dieses Jahr zu. Und wer gewohnt ist, sich in den heissen Wochen mit rund 7000 weiteren Abendgästen das Spiel auf dem See in Bregenz anzuschauen, muss derzeit ebenfalls darben. Erst nächstes Jahr wird es wieder, so Gott will, grosse Oper geben im Festspielhaus und draussen auf dem Wasser, dazu im Juni und August Landpartien mit Schubert, Schumann, Brahms & Co. in den Bregenzerwald. Doch ganz leer soll das sehnsuchtsvolle Ohr auch 2020 nicht ausgehen.

«Alles wieder gut», verspricht der Eröffnungsabend der kleinen, feinen Festtage im Festspielhaus, die heuer beides ersetzen müssen: nicht nur das grosse Spektakel am Seeufer, auch das erlesene, international renommierte Lied- und Kammermusikfestival in Hohenems und Schwarzenberg. Man ahnt, dass das unter den derzeitigen Umständen kein billiger Trost sein wird, sondern eher ein ironischer Stossseufzer - wo Mahler, Schumann, Brahms und Schubert draufsteht, ist nie ganz eitel Wonne. Ein Hauch Melancholie, Weltschmerz, Himmeltraurigkeit und Erdenschwere schwingt immer mit, mag man auch zunächst munter ausschwärmen mit Liedern wie Schuberts «Heideröslein» oder Mahlers «Ging heut morgen übers Feld» aus den «Liedern eines fahrenden Gesellen».

Wer hustet, macht sich verdächtig

Auf den Weg machen sich der österreichische Bassbariton Florian Boesch und die Musicbanda Franui aus Osttirol als seine Gespielen, mit Klarinette, Blechblasinstrumenten, mit Geige, Bass und noch mehr Saiten: Harfe, Hackbrett, Zither. Die Reihen im Festspielhaus sind lichter als sonst, vermutlich gleichwohl ausverkauft - es ist eben mitnichten «alles gut». Man trägt Maske, im Foyer und auch am Platz, möglichst durchwegs, aber spätestens wieder zum Applaus und zu den vliesgedämpfen «Bravi».

Wenn einer in die letzten, ersterbenden Takte von Mahlers «Ich bin der Welt abhanden gekommen» hineinhustet, maskenlos, dann ist das nicht nur ärgerlich und bemitleidenswert, wie es noch vor Corona war. Sondern schon beinahe furchterregend, womöglich ansteckend. Andererseits auch verständlich: Denn mehr als eine Stunde lang sitzt man wie elektrisiert, unter Hochspannung.

Erst gehört ihm die ganze Welt, dann schmilzt ihm noch der letzte Zufluchtsort dahin: Bassbariton Florian Boesch und die Musicbanda Franui im Festspielhaus Bregenz.

Erst gehört ihm die ganze Welt, dann schmilzt ihm noch der letzte Zufluchtsort dahin: Bassbariton Florian Boesch und die Musicbanda Franui im Festspielhaus Bregenz.

Bild: Anja Koehler / andereart.de

Todsicher ansteckend aber wird auf der Bühne gesungen und gespielt an diesem Abend: ein gemischter Liederzyklus, der wirkt, als hätten sich die Grossmeister der Gattung dafür zusammengetan und eine Art «Sommerreise» komponiert. Mit einem Sound, der deftig sein kann wie im Bierzelt, urwüchsig, volkstümlich ohne Tümelei, einsam oder andächtig im Chor. Zuweilen auch engelhaft schön - und nie kann man ganz sicher sein, dass da nicht auch ein bisschen Scheinheiligkeit mitspielt. So wie die Schätzchen dieses fahrenden Gesellen, den Florian Boesch mit festem, energischen Schritt und fragiler Leidenschaftlichkeit verkörpert, eben auch falsch sind und flatterhaft. Oder die Stacheln ausfahren, wie das wehrhafte «Heideröslein».

Bühnenarbeiter auf Lebenswanderschaft

Schubert goes Jazz: Andreas Schett spielt mit gestopfter Trompete; einen Flügel brauchen die «Trocknen Blumen» da nicht mehr.

Schubert goes Jazz: Andreas Schett spielt mit gestopfter Trompete; einen Flügel brauchen die «Trocknen Blumen» da nicht mehr.

Bild: Anja Koehler / andereart.de

«Alles wird gut» heizt dem vertrauten Liedgut ein, macht den Schritten des Wanderburschen tanzlustig Beine - und steckt dem armen Kerl gleichzeitig augenzwinkernd schwere Wackersteine in den Rucksack: jedenfalls klingt in den Bearbeitungen und Arrangements von Andreas Schett und Markus Kraler nichts nach Frack und Flügel. Die Lebensreise mit der Musicbanda Franui ist schweisstreibend, ein Kreuz und Quer der Emotionen, aber mit grossem Bogen.

Da passt es durchaus, dass Boesch und die zehnköpfige Kapelle nicht konzertant gestriegelt auftreten, sondern wirken wie Bühnenarbeiter, die sich für einmal im Rampenlicht austoben: in schwarzen Shirts und ausgebeulten Hosen, zupackend, doch wenn nötig mit enorm viel Fingerspitzengefühl.

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