Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

LIEBLINGSBÜCHER: Bücher, die sich einbrennen

Léonie Schwendimann führt in St. Gallen «Die beste Buchhandlung des Jahres 2017». Aus diesem Anlass verrät die Literaturliebhaberin ihre Favoriten. Keine leichte Kost.
Melissa Müller
Leonie Schwendimann: «Alles, was ich über Krieg weiss, habe ich aus Büchern gelernt.» (Bild: Ralph Ribi)

Leonie Schwendimann: «Alles, was ich über Krieg weiss, habe ich aus Büchern gelernt.» (Bild: Ralph Ribi)

Melissa Müller

melissa.mueller@tagblatt.ch

Rosen überall. Grund ist ein Preis: Leonie Schwendimanns «Buchhandlung zur Rose» ist vom Schweizer Buchhändler- und Verlegerverband zur «Besten Buchhandlung des Jahres 2017» gekürt worden; Bei der Publikumswahl stimmten ihre Kunden via Internet ab. Nun gratulieren sie mit Rosen. «Das ist die Buchhandlung meines Herzens», sagen Stammkundinnen über den gepflegten kleinen Laden am St. Galler Gallusplatz. Anlass genug, die 61-jährige Chefin nach den Büchern ihres Herzens zu fragen. Worauf Schwendimann eine Liste erstellt. Sie habe zwar nichts gegen Unterhaltung. «Aber eingebrannt haben sich schon diejenigen Bücher, die bestimmt keine leichte Lesekost sind. Als Leserin, als Leser lebt und leidet man eben mit».

Auf den Roman «Auf der Plaça del Diamant» der Katalanin Mercé Rodoreda stiess sie vor 38 Jahren während ihrer Buchhändlerlehre. Es ist die Geschichte einer jungen, sensiblen Frau während des spanischen Bürgerkriegs. In dieser existenziellen Not findet diese Frau zu einer Stärke, die sie sich selbst nie zugetraut hätte.

Auch «Der geteilte Himmel» von Christa Wolf war so ein Buch, das die junge Leonie Schwendimann verschlang. Es handelt von einer Liebe, die aus politischen Gründen verhindert wurde, als Deutschland durch die Mauer ein geteiltes Land war.

Guter Draht zu Schriftsteller ­Markus Werner

Zu ihrem Beruf fand Leonie Schwendimann vor über 40 Jahren. Die Altstätterin absolvierte die Verkehrsschule in St.Gallen, arbeitete an einer Hotelrezeption und in einem Reisebüro. Mit 20 begann sie dann ihre Lehre beim legendären St. Galler Buchhändler Louis Ribaux (1930 bis 2015). «Ein Meister seines Fachs, der mir die Liebe zur Literatur vorlebte.» Schon damals entdeckte sie den Schweizer Autor Markus Werner und freute sich auf jedes neue Buch von ihm, wie «Zündels Abgang». «Markus Werner kannte den Menschen in seiner ganzen Unzulänglichkeit. Er moralisierte nicht. Und er bewahrte sich trotz ernstem Ton eine gewisse Ironie.» Dem inzwischen verstorbenen Schriftsteller begegnete sie auch persönlich. «Mir gefallen Ihre Bücher», schrieb sie ihm einmal und bat um eine Lesung. Und der Autor antwortete mit einer Karte: «Ihre Zeilen klingen angenehm spröd, das heisst ich komme gern.» Dabei galt Markus Werner als scheu und gab selten Lesungen.

Schreiben aus seelischer ­Notwendigkeit

Als Leserin fasziniert es sie, wenn Menschen aus einer inneren Notwendigkeit zu Schriftstellern werden. Weil sie die Brüche ihres Lebens schreibend verarbeiten «müssen». Wie der italienische Jude Primo Levi mit seinem autobiografischen Bericht «Ist das ein Mensch?». Der Chemiker kämpfte in einer Widerstandsgruppe, wurde verhaftet und 1944 nach Ausschwitz deportiert. Der Überlebende beschreibt, wie die Aufseher im Konzentrationslager «Mensch» blieben, aber den Häftlingen das Menschliche abhanden kam: Wenn man wartet, bis der, der neben einem liegt, stirbt, damit man ihm seinen Krumen Brot wegnehmen kann, sei das nicht mehr menschlich, stellt er fest. 30 Jahre später nahm sich der Autor das Leben. «Seinen gnadenlosen Blick wird man nicht mehr vergessen», sagt Leonie Schwendimann. «Dieses Buch sollte Pflichtlektüre werden an den Mittelschulen.» Wenn jemand in ihrer Buchhandlung danach verlangt, macht ihr Herz einen Sprung. «Dann denke ich: Wow, guter Lesegeschmack.» Gleiches geht ihr durch den Kopf, wenn jemand ein Buch von Josef Roth oder Edmund de Waals Familiengeschichte «Der Hase mit den Bernsteinaugen» auswählt – ein weiteres ihrer Lieblingsbücher. Die europäische Literatur sei geprägt von den beiden Weltkriegen, der Vernichtung der Juden, von Verfolgung und Vertreibung, Heimatlosigkeit und Neubeginn. Darum geht es auch im italienischen Klassiker «Die Gärten der Finzi-Contini» von Giorgio Bassaniüber eine grosse, unerfüllte Liebe in der Zeit des Antisemitismus.

Klassiker der Weltliteratur findet die Buchhändlerin aber ebenfalls «spannend wie Krimis». Etwa «Madame Bovary» von Gustave Flaubert. «Ich konnte diese Frau gut verstehen, die unter den gesellschaftlichen Zwängen ihrer Zeit leidet und ausbricht.» Flaubert habe es meisterhaft verstanden, die Seelenzustände seiner Figuren auszuleuchten.

Mit dem Preisgeld nach Südtirol

Leonie Schwendimann taucht in die Bücher ein, nimmt in Gedanken eine andere Identität an, unternimmt Kopfreisen in andere Zeiten und Länder. Und sie hat noch einige Tipps auf der Liste, wie «Tod eines Bienenzüchters» von Lars Gustafsson. «Dieses philosophische Buch über Leben und Tod möchte ich in meinen späteren Jahren noch einmal lesen.»

Seit 12 Jahren führt sie nun die «Buchhandlung zur Rose». Mit dem Preisgeld – 5000 Franken – hat sie einen Sonnenschirm bestellt, um den Logenplatz vor der Buchhandlung mit Blick auf die Kathedrale zu beschatten. Auch eine kleine Geschäftsreise hat sie gebucht – nach Bozen, wo sie mit ihren Mit-Buchhändlerinnen Alexandra Elias und Isabella Husistein den Verleger Hermann Gummerer (folio Verlag) besuchen will. Auf dem Hotel-Balkon werden die drei Buchhändlerinnen nochmals anstossen auf ihre ehrenvolle Auszeichnung.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.