Liebevoll zu jedem Regentropfen

Am Wochenende hat der Junizyklus der Schubertiade Schwarzenberg begonnen: Bei nasskaltem Wetter konzentrierte sich die Aufmerksamkeit ganz auf die Programme des Hagen-Quartetts und der Sänger Sylvia Schwartz, Mauro Peter und Benjamin Appl.

Bettina Kugler
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SCHWARZENBERG. Schön sei es ja durchaus gewesen, findet eine empfindliche Dame in Designer-Gummistiefeln am Samstagabend nach dem Konzert, beim Warten auf Schirm und Mantel. Aber dieser Saal hier: unmöglich! Wer sich das ausgedacht habe, ein Vordach aus Glas?

Ausgiebiger Sommerregen hatte sanft mitgemischt von draussen, während im Trockenen die Hagens drei Streichquartette von Mozart auf dem Programm hatten, die «Preussischen» KV 575, 589 und 590. Schönwettermusik, die nicht eitel Sonnenschein braucht, vielmehr lebt von feinen Schattierungen und erfrischenden musikalischen Güssen. Das Hagen-Quartett spielt sie mit der Könnerschaft aus über dreissigjähriger Zusammenarbeit – nicht mit grossem Donnerwetter, sondern so, als sei jeder Regentropfen kostbar und besonders liebevoller Aufmerksamkeit wert.

Inspirierende Gespräche

Das kann, wer mag, störungsfrei unter Kopfhörern geniessen, abgeschottet von der Welt um sich herum. Andere werden sich später gern an die Intensität der Stimmung im ausverkauften Angelika-Kauffmann-Saal erinnern, an den Zauber kollektiven Hingerissen-Seins vom delikaten Spiel – geborgen wie in einer Höhle, während man keinen Hund vor die Tür jagen möchte. Schon gar nicht selbst einen Abendspaziergang machen.

Wie dem auch sei: Unstrittig jedenfalls ist die musikalische Qualität. Mit Mozarts zehn grossen Streichquartetten sind die Hagens derzeit weltweit unterwegs; sie kennen jeden Satz durch und durch – und doch stellt sich keine gepflegte Routine ein, sondern stets wache, ansteckend lebhafte Kommunikation, der Gestus eines ungemein inspirierenden Gesprächs unter vertrauten Partnern.

Schauerballaden, Idyllen

Musiker, die einander freundlich und aufmerksam zuhören: So muss man sich die historischen «Schubertiaden» von Franz und Freunden vorstellen, und so war es auch im Auftaktkonzert am Nachmittag zu erleben. Drei junge Sänger in einem Alter, da Schubert sein Werk schon fast abgeschlossen hatte, wechselten sich ab und wirkten harmonisch zusammen: die Sopranistin Sylvia Schwartz, der Luzerner Tenor Mauro Peter, gefeierter neuer Tamino am Opernhaus Zürich und grosse Hoffnung im Liedfach. Bei ihm kommt zur blühend schönen Stimme eine sichere, warmherzige Ausstrahlung. Dazu der Bariton Benjamin Appl, letzter Zögling von Sängerlegende Dietrich Fischer-Dieskau, erfahren begleitet von Helmut Deutsch am Klavier – das zeigte, wie vital Schuberts Liedschaffen ist, mag es auch aus der Zeit gefallen wirken. Schaurig schön: der Ossian und die altschottische Ballade.