Liebeserklärung an sich selbst

Wenn sie Schmuck kreiert, nimmt Johanna Dahm auch mal ein Maschinengewehr zur Hand. Im Textilmuseum St. Gallen stellt die «Grande Dame der Schweizer Schmuckkunst» ihre provokativen Werke aus.

Melissa Müller
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Ein Kragen von 1984. (Bild: Anna Beeke)

Ein Kragen von 1984. (Bild: Anna Beeke)

Wer Schmuck trägt, will etwas ausdrücken: dass man verheiratet ist, einen konservativen Stil hat oder eine Romantikerin ist. Die Schmuckkünstlerin Johanna Dahm will hingegen provozieren, irritieren und einen Denkprozess auslösen. Die Ideen kommen der Zürcherin oft, wenn sie sich entspannt. Einmal geschah es bei einem Kuss: «Der Kuss entspannte mich, und dabei kam mir die technische Lösung für ein schwieriges Schmuckproblem in den Sinn», erzählt sie mit einem Lachen.

Johanna Dahm stellt derzeit im St. Galler Textilmuseum aus, im Rahmen der Ausstellung «Body Jewels». Etwa einen hohen, kantigen Kragen aus Quadraten und Rhomben aus farbigem Filz. Seit vierzig Jahren kreiert sie aussergewöhnlichen Schmuck. Im Zuge der 68er-Bewegung wandten sich junge Gestalter vom traditionellen Design ab und entwarfen experimentellen Schmuck. Dieser Avantgarde gehört Johanna Dahm an. Mittlerweile hängen ihre Stücke in Museen auf der ganzen Welt.

Ring mit Bedeutung

Man sieht dieser zierlichen, von der Gartenarbeit gebräunten Frau mit den silbergrauen Locken ihre 69 Jahre nicht an. Sie bewegt sich wie ein junges Mädchen. Zum Jupe trägt sie ein pistaziengrünes Jäckchen und zwei markante Ringe. Den Goldring an ihrer Rechten hat sie in Ghana gegossen, wo sie sich beim Goldschmied des Ashanti-Königs die archaische Gusstechnik aneignete.

«Das ist mein Freundschaftsring», sagt sie. «Nur auf mich ist Verlass.» Eine Liebeserklärung an sich selber, sozusagen. An ihrer Linken glänzt ihr «Wilhelm Tell's Shot»-Ring. Sie habe ihn mit einem Maschinengewehr gemacht, «als Statement zur letzten Finanzkrise». Sie schoss durch 20-Gramm-Silber- und -goldbarren; das Einschussloch dient als Ringöffnung. Die starken Verwerfungen und der scharf ausgefranste Rand des Rings kratzen etwas am Finger. «Das muss so sein. Es hat sich durch den Schuss ergeben und verstärkt meine Aussage», sagt Johanna Dahm. Ihre Hände sind feingliedrig und kräftig zugleich – und gezeichnet von der handwerklichen Arbeit. Sie stört sich nicht an den Schwielen und den dunklen Rändern unter den Nägeln. «Das gehört doch dazu», sagt die Frau mit dem holländischen Akzent.

Spinnweben im Atelier

Eine Erkrankung hinderte die Künstlerin in den vergangenen vier Jahren an der Arbeit. Am ersten Tag, als sie wieder ihr Atelier in Zürich betrat, hing es voller Spinnweben – und das Telefon klingelte. Annina Weber war am Apparat, die Kuratorin des St. Galler Textilmuseums – und fragte Johanna Dahm, ob sie ihren Schmuck ausstellen dürfe. Sie interessierte sich vor allem für die Broschen, die Dahm Anfang der Achtziger erfunden hatte – weil diese Stücke den Stoff, auf dem sie befestigt werden, in eine neue Form bringen.

Die Nadel auf der Rückseite einer Brosche wird normalerweise nicht beachtet. Johanna Dahm wollte das ändern. So verformte sie Silber- und Aluminiumdrähte, die an der Kleidung angebracht werden, wobei sich der Stoff auf spezielle Weise bauscht oder in Falten wirft.

Schmieden, feilen, biegen

Die Tochter einer Holländerin und eines Baslers wuchs in Südafrika auf und kam mit 16 Jahren in die Schweiz. «Ich musste früh, lernen, mich anderen Sitten und Mentalitäten anzupassen – versuchte aber stets, mir mein Temperament und meine Spontaneität zu bewahren.» Schon als Jugendliche beschloss sie, Schmuckgestalterin zu werden. Das Bearbeiten harter Materialien faszinierte sie. «Ich wollte schmieden, feilen, sägen, biegen und dies alles mit einem Sinn erfüllen.»

Bald «virtueller Schmuck»

Im September stellt die «Grande Dame der Schweizer Schmuckkunst» in Tel Aviv einen «virtuellen Schmuck» aus. Sie hängt einen sechseckigen Basalt an die Wand und fordert auf, ein paar Minuten auf den schwarzen Stein zu schauen. Wendet man dann den Blick ab und sieht eine Person an, erscheint auf dem Gegenüber eine sechseckige Form in Weiss. Ein optisches Phänomen. «Das ist Schmuck, den man nicht besitzen und in einen Safe sperren kann», sagt Johanna Dahm.

Johanna Dahm mit ihrem «Wilhelm Tell's Shot»-Ring. Er entstand, indem sie einen Silberbarren durchschoss. (Bild: Michel Canonica)

Johanna Dahm mit ihrem «Wilhelm Tell's Shot»-Ring. Er entstand, indem sie einen Silberbarren durchschoss. (Bild: Michel Canonica)