Lieber Frau statt Mann

Kino Xavier Dolan entwickelt mit «Laurence Anyways» dank aufregender filmischer Gestaltung ein emotional mitreissendes Melodram.

Walter Gasperi
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Als Frau einen anderen Blick auf die Welt: Schauspieler Melvil Poupaud meistert den schwierigen Part als Laurence grossartig. (Bild: pd/Filmcoopi)

Als Frau einen anderen Blick auf die Welt: Schauspieler Melvil Poupaud meistert den schwierigen Part als Laurence grossartig. (Bild: pd/Filmcoopi)

Der 1989 in Montreal geborene Xavier Dolan gilt als Wunderkind des Kinos. Nachdem er ab seinem vierten Lebensjahr in Werbespots und Fernsehserien mitgespielt hatte, drehte er mit 20 seinen ersten Spielfilm («J'ai tué ma mère»), mit dem er sogleich zum Filmfestival Cannes eingeladen wurde. Ein Jahr später folgte «Les amours imaginaires» (2010) und nun mit 23 legt er bereits seinen dritten grossen Spielfilm vor.

Weder mit- noch ohne einander

Erzählte Dolan in seinen ersten beiden Filmen, in denen er selbst die Hauptrollen spielte, persönlich von einer schwierigen Mutter-Sohn-Beziehung beziehungsweise von einer Dreiecksbeziehung unter Jugendlichen, so beschränkt er sich in «Laurence Anyways» einerseits auf die Rolle des Regisseurs, richtet andererseits den Blick auf die Gefühlswelt von Erwachsenen und verlegt die Handlung in die Vergangenheit.

Von 1989 bis 1999 folgt Dolan dem Schriftsteller und Lehrer Laurence (Melvil Poupaud) und Werbefilmregisseurin Fréd (Suzanne Clément). Schwer belastet wird ihre Beziehung als Laurence erklärt, dass er seit der Kindheit eine Frau sein wollte und dies nun leben wolle. Trotz erstem Schock beschliesst Fréd bei Laurence zu bleiben; doch je mehr er zu sich selbst findet, desto mehr entfernen sie sich innerlich voneinander. Unweigerlich trennen sich ihre Wege, doch los kommen sie voneinander nicht.

Auf den Spuren Almodóvars

Um Grenzüberschreitung und den Umgang mit Aussenseitern kreist «Laurence Anyways», bittere Erfahrungen muss der Protagonist machen, verliert wegen seines Outings seinen Job und wird physisch attackiert. Mit 160 Minuten ist dieses Melodram, das inhaltlich an die frühen Filme Almodóvars, stilistisch an die Anfänge Wong Kar-Weis erinnert, zwar überlang, aber auch reich an grandiosen und zutiefst bewegenden Momenten.

Furios und exzessiv arbeitet Dolan mit filmischen Mitteln, doch ist die Form nie Selbstzweck, sondern intensiviert die Gefühle. Einen atemberaubenden Sog entwickelt der Frankokanadier mit einem Rausch aus Licht und Farben, mit Zeitlupe und nah geführter Handkamera und einem grandiosen Soundtrack, der sich bei Hits aus den 80er-Jahren ebenso bedient wie bei Beethoven, Brahms und Vivaldi.

Das fast quadratische Bildformat erzeugt weniger ein Gefühl von Enge und Beklemmung als vielmehr Intimität; es schafft Nähe zu den Schauspielern, die in Grossaufnahmen und langen Einstellungen intensiv und bewegend ihre Gefühle vermitteln. Grossartig meistert Melvil Poupaud den schwierigen Part von Laurence. Fast noch stärker ist aber die in Cannes ausgezeichnete Suzanne Clément in der Rolle der verzweifelt liebenden Fréd.

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