Literaturprofessorin Hildegard Keller: «Unsere Liebe zur Literatur geht durch den Magen»

Die Wilerin Hildegard Keller ist Literaturkritikerin, Autorin und Verlegerin. Zudem war sie jahrelang «Geburtshelferin» für andere Autoren. Jetzt ist sie Feuer und Flamme für ihre neue Kochshow «Die Maulhelden».

Desirée Müller
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Hildegard Keller lebte zehn Jahre in den USA und leitete den Lehrstuhl für Literatur der Indiana University.

Hildegard Keller lebte zehn Jahre in den USA und leitete den Lehrstuhl für Literatur der Indiana University.

(Bild: Ralph Ribi)

Hildegard Kellers Leben ist ein Roman voller Ereignisse und Wendungen. In St.Gallen geboren und in Wil aufgewachsen brach die Maturandin nach bestandener Prüfung aus der Welt ihrer Herkunft aus. Als angelernte Kunsttherapeutin sang sie im Lift in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie Wil Operetten mit Patienten, kam in Rom als Hippie irgendwie über die Runden und unterrichtete während des Bürgerkrieges an der Deutschen Schule in El Salvador.

Stets im Hintergrund

Heute ist die 59-Jährige Autorin, Verlegerin und Gestalterin. Sie schreibt und zeichnet, publiziert und layoutet Bücher. Dazu macht sie Lesungen und Stadttouren in Zürich, bewegt sich wie selbstverständlich vor der Kamera und auf der Bühne und ist dabei unüberseh- und hörbar, frech und unnachgiebig. Keller wird durchaus nicht von allen geliebt und geachtet. Doch das sei okay so. Die Ostschweizerin wirkte viele Jahre lang im Leben Hunderter als Wegbegleiterin sowie als Forscherin, Literaturkritikerin und Jurorin im TV. Trotzdem blieb ihr Name meist im Hintergrund. Ihre eigenen schöpferischen Leistungen verstaute sie in einer Schublade, doch nun ist es für die Frau Professorin an der Zeit, ihre Prioritäten neu zu setzen.

«Ich wuchs in einem Haus ohne Bücher auf. Fernab von Kultur. Ich konnte meiner eigenen Nase folgen.»

Diese Freiheit war laut Keller eine Chance, wie sie heutige Kinder in der Schweiz kaum mehr hätten. Das Zeichnen und Malen rettete die intellektuell karge Kindheit des kreativen, wissbegierigen Mädchens. Später, als sie zum ersten Mal in der Bibliothek der Kantonsschule Wattwil stand, eröffneten sich ihr geistige Welten, Literatur, Wissenschaft und Kunst, sie verschlang alles und liess sich in Paralleluniversen voller neuer Möglichkeiten mitnehmen. Sie begann Theater zu spielen und entdeckte ihr Talent für die Bühne. Manche sagten, sie solle die Schauspielschule besuchen, andere rieten ihr zu einem Wirtschaftsstudium an der HSG, doch die Lust nach anderen Formen von Abenteuer übermannte sie.

«Nach der Kanti musste ich weg. Ich wollte nicht einfach an die nächste Schule, und auf meine Familie konnte ich da auch keine Rücksicht nehmen.»

Zu lange schon fühlte sich Hildegard Keller wie in einem Käfig eingesperrt. So packte die Schulabgängerin ihre sieben Sachen, reiste nach Italien und später ins mittelamerikanische El Salvador. «Nach einem wilden Jahr im Land der Vulkane, das mich zeitweise etwas verunsichert hatte, kehrte ich zu den Wurzeln unserer Kultur zurück.» Sie verdiente ihr Leben als Spanischlehrerin in Zürich und begann an die Zukunft zu denken. «Ein Professor begeisterte mich fürs Mittelalter, ich fing Feuer und wurde schliesslich zur Spezialistin für mittelalterliche Literatur und Kultur.» 1992 promovierte Keller an der Universität Zürich, erwarb das Diplom für das Höhere Lehramt und unterrichtete acht Jahre lang als Kantilehrerin für Deutsch und Spanisch und später an der Uni als Dozentin für kreatives Schreiben.

Aufbruch nach Amerika

Seit ihrer Rückkehr aus den USA erfindet Hildegard Keller mit ihrem Mann kulinarisch-literarische Live-Formate.

Seit ihrer Rückkehr aus den USA erfindet Hildegard Keller mit ihrem Mann kulinarisch-literarische Live-Formate.

(Bild: Ralph Ribi)

Ihre kanariengelben Strümpfe «machten ihre Schüler farbenblind». Sie forderte und förderte auch jene, die sich über ihre unsägliche Fröhlichkeit beschwerten. Sie war längst Professorin der Universität Zürich, als ein Anruf aus Amerika kam. «Ich wurde auf den Lehrstuhl für deutsche Literatur an der Indiana University in Bloomington berufen.» Ihr Mann Christof Burkard, ein Jurist, wollte höchstens als Tourist in die USA, unterstützte sie aber in ihrem Vorhaben. So wurde Keller zur amerikanischen Professorin. «Ich führte zehn Jahre lang zwei Leben.» Sie genoss das soziale Leben in den USA und die vielen Impulse, die sie in Theatern, Shows, Museen und wissenschaftlichen Events auf dem Campus bekam. Die Wilerin ging aus, begrüsste Gäste bei Dinnerpartys in ihrem Zuhause und begann zu filmen. Doch ihr Leben in der Schweiz stand keineswegs still.

«Ich flog nicht selten nur für einen Auftritt im SRF-Literaturclub oder auch beim Bachmannpreis im ORF/3sat über den Atlantik.»

Nach einem Jahrzehnt brach sie ihre Zelte in den Staaten ab, um sich selbstständig zu machen. Verschenkte all ihr Hab und Gut und verliess ihr zweites Leben im Flugzeug ein letztes Mal. Ein neuer Lebensabschnitt begann.

Herzensprojekt gestartet

Hildegard Keller ist heute mit ihrer Firma Bloomlight Productions erfolgreich unterwegs, ist aber den Studierenden der Universität Zürich treu geblieben. Zurzeit schreibt sie einen Roman, der nächstes Jahr veröffentlicht werden soll. Ihr aktuelles Herzensprojekt ist das Label «Die Maulhelden», das sie gemeinsam mit ihrem Mann aufgebaut hat: mit Büchern der «Edition Maulhelden» und einer literarischen Kochshow. Christof Burkart kocht leidenschaftlich gern und entwickelt mit seiner Hildegard «Bücher für Kopf, Herz und Gaumen», Lesungen, Performances und thematische Stadttouren in Zürich. Das Konzept ist einzigartig und wohl auch deshalb gut angelaufen. Für Keller ist es das Natürlichste der Welt: «Wir bringen die Protagonisten auf den Tisch. Unsere Liebe zur Literatur geht durch den Magen.» Jetzt ist «Frisch auf den Tisch» erschienen, eine Sammlung von weltliterarischen Porträts und Leckerbissen zum Nachkochen. So manche Idee schlummert noch in ihrer Schublade. Die Maulhelden haben stets neue Ideen am Köcheln.