Liebe und Terror

LESBAR RUSSLAND Es klingt wie ein Wunder: Lew Mischtschenko war von 1946 bis 1954 im Straflager Petschora im Norden Russlands (nicht im fernen Sibirien!) inhaftiert. Unter schwierigen Bedingungen hat ihn dort seine spätere Frau Swetlana fünfmal besucht.

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LESBAR RUSSLAND

Es klingt wie ein Wunder: Lew Mischtschenko war von 1946 bis 1954 im Straflager Petschora im Norden Russlands (nicht im fernen Sibirien!) inhaftiert. Unter schwierigen Bedingungen hat ihn dort seine spätere Frau Swetlana fünfmal besucht. Sie haben sich in 1246 Briefen ihre Liebe beteuert. Lew hatte Helfer, die Briefe geschmuggelt haben. Es ist der umfangreichste Briefwechsel, der sich im Archiv der Stiftung Memorial befindet. Der Historiker Orlando Figes besuchte das Paar Jahre später in der Nähe von Moskau. Und er hat Auszüge aus dem Briefwechsel in «Schick einen Gruss zuweilen durch die Sterne» mit längeren eigenen Eindrücken herausgebracht. Ein beeindruckendes Dokument, welches das Leben sowohl im Lager wie auch im Moskau der Sowjetzeit darstellt. Aber seit sich herausgestellt hat, dass Figes sich in seinem hochgelobten «Die Flüsterer» nicht in allen Fällen an die Wahrheit gehalten hat, ist es wohl ratsam, diese spannend geschriebene Geschichte «von Liebe und Überleben in Zeiten des Terrors» als optimistisch getönten Roman mit authentischen Dokumenten zu lesen.

Orlando Figes: Schick einen Gruss zuweilen durch die Sterne, Hanser 2012, 370 S., Fr. 28.–

Staat und Kultur

Wenig glücklich ist die Beziehung von Staat und Kunst in Russland. Das zeigte sich nicht erst am Fall Pussy Riot. Kerstin Holm, seit 1991 Korrespondentin der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» in Moskau, hat das schwierige Verhältnis analysiert. Am Beispiel des Komponisten Vladimir Martynov beobachtet sie das Phänomen der neuen Religiosität in Russland. Der Schriftsteller Vladimir Sorokin zeigt in seinen rückwärts gewandten Visionen (Iwan der Schreckliche lebt wieder) ein düsteres Zukunftsbild seines Landes. Anhand von Alina Wituchnovskajas Gedichten thematisiert Holm die Gewalt als Lebenselement, denn die Lyrikerin bewegt sich im nationalbolschewistischen Umfeld des Skandalautors Limonow. Die Lektüre von «Moskaus Macht und Musen» ist bedrückend, aber man versteht die Hintergründe des kulturellen Alltags ins Putins Russland besser.

Kerstin Holm: Moskaus Macht und Musen. Hinter russischen Fassaden, Die Andere Bibliothek 2012, 320 S., Fr. 45.–

Erika Ackermann

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