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Schweizer Erstaufführung:
Liebe und Macht auf dem Schutthaufen

Monteverdis «L’incoronazione di Poppea» kam beim Publikum sehr gut an. Ein höchst sehenswertes Stück am Theater St. Gallen, bei dem die Neurorchestrierung von Ernst Krenek genauso für sich einnimmt wie die stringente Inszenierung vor düsterem Bühnenbild.
Martin Preisser
Amore (Diane Gemsch) ist auch der verstossenen Kaiserin Ottavia (Ieva Prudnikovaite) nahe. (Bild: Iko Freese)

Amore (Diane Gemsch) ist auch der verstossenen Kaiserin Ottavia (Ieva Prudnikovaite) nahe. (Bild: Iko Freese)

Wie schön diese Musik ist, wurde am deutlichsten spürbar, als sie alleine erklang, im Intermezzo vor dem zweiten Teil. Was Ernst Krenek 1936 aus dieser Vorlage von Claudio Monteverdi gemacht hat (die seither nie wieder szenisch zu sehen war!), ist eine kongeniale Neuschöpfung, mit viel Respekt und Behutsamkeit vor dem Original und doch mit ganz eigener Farbigkeit und Intensität.

Die junge Konstanzer Dirigentin Corinna Niemeyer und das Sinfonieorchester St. Gallen bringen diese neobarocke Musik mit durchaus spätromantischen und expressionistischen Einsprengseln frisch und direkt herüber. Ein genauer Kontakt zur Bühne trägt viel zum Gesamteindruck einer konzentrierten Kompaktheit dieser Opernrarität bei. Die gut zwei Stunden des von Krenek angenehm gekürzten, auf den Punkt gebrachten Stoffes um Liebe und Verrat am Hof Neros gehören zum Kurzweiligsten und Spannendsten, was man in letzter Zeit in St. Gallen erlebt hat.

Spannend wie ein Thriller

Die Inszenierung von Alexander Nerlich geht der neobarocken Klarheit der Musik präzise nach, bringt die Geschichte auf den Punkt. Liebe in all ihren Facetten, von Erotik bis Obsession, von Romantik bis brutalem Machtkalkül: Intensiv leuchtet die Regie diese Facetten aus. Klar, durchdacht, ohne überflüssige Zusätze. Nerlich lässt die Gewalt in dieser Geschichte geschickt und unentwegt neben den Liebeswirren parallel laufen. Das macht das Stück spannend wie einen Thriller, gibt ihm Zeitlosigkeit ohne Längen.

Ein wunderbarer Kunstgriff in dieser beweglichen Inszenierung (Choreografie: Jasmin Hauck) ist die Rolle von Amore, verkörpert von der Tänzerin Diane Gemsch, der heimlichen Heldin der Premiere dieser Schweizer Erstaufführung. Sie zeigt alle Aspekte von Liebe, von Ekstase bis Abgründigkeit, ist unentwegt den Sängerinnen und Sängern körperlich nah, spiegelt in wechselnden, oft akrobatischen Einlagen deren emotionale Verstricktheit, oft gar an eine schwarze Schlange oder Spinne erinnernd. Das alles hat Diane Gemsch mit einem gebrochenen Finger ohne Abstriche geschafft, eine spezielle Leistung!

Ein Hallenbad als ausgebrannte Kulisse

Das Bühnenbild (Wolfgang Menardi) ist düster, finster und zeigt: In dieser Geschichte um Nero, seine verstossene Frau Ottavia und die Liebhaberin Poppea, die er zur Kaiserin macht, gibt es nur Verlierer. Ein Hallenbad (es erinnert an die Thermen der römischen Kaiser) und auf dem Boden des Schwimmbeckens schwarz Verkohltes (erinnert an den Nero angelasteten Brand Roms) erzeugen, auch mit Leitern und unheimlich wirkenden Schläuchen, etwas Beklemmendes, eine Enge, die der konzentrierten Inszenierung völlig entgegenkommt.

Auch von der Solistenbesetzung her kommt man bei dieser mutigen Oper voll auf seine Kosten. Man möchte mit der extrem präsenten Stimme von Ieva Prudnikovaite (Ottavia) anfangen, die ihre Verzweiflung souverän aussingt. Stimmlich wunderbar verführerisch ist ihre Kontrahentin Poppea (Raffaella Milanesi). Ein echter Genuss ist auch Tatjana Schneider als klar geführte Drusilla. Und schliesslich mit feinem, hintergründigem Timbre Milena Storti als Amme Arnalta.

Ein zweites charakterliches Gegensatzpaar sind Nero (Anicio Zorzi Giustiniani) und der Philosoph Seneca (Martin Summer). Ihre gemeinsamen Auftritte gehören zu den Höhepunkten des Abends. Summer, der St. Gallen nach dieser Spielzeit leider verlässt, überzeugt stimmlich sonor und schauspielerisch kraftvoll bis zum blutigen erzwungenen Suizid. Und Nero wird gekonnt als Getriebener, Machtbesessener gezeigt, unsicher und brutal zugleich. Die Krönung Poppeas vor dem Senat, getaucht in gelb flackerndes Licht (Andreas Enzler), begleitet Nero mit verrückten Dirigierbewegungen. Ein Highlight! Zu Beginn noch etwas verhalten singt sich auch Shea Owens als Ottone immer mehr in eine intensive Rollengestaltung hinein.

Liebe und Gewalt: Eine düstere, aber eindringliche Inszenierung und eine wundervolle Musik werden am Theater St. Gallen zu einem überzeugenden, schnörkellosen Ganzen. Absolut sehenswert!

Weitere Aufführungen:

14., 19., 26., 29. Mai; 2. und 15 Juni; theatersg.ch

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