Liebe und Hass, Mord und Verrat

In sechs Tagen starten die St. Galler Festspiele. In ihrem Zentrum: eine Oper. Um die Faszination Oper geht es auf den folgenden Seiten. Wir stellen Komponisten und Opern vor, erzählen von den Textdichtern – und lassen hier einen Fachmann und einen Liebhaber zu Wort kommen.

Rolf App
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Opernfiguren, Opernszenen: Lady Macbeth von Mzensk (St. Gallen, 2006). (Bild: ky/Regina Kühne)

Opernfiguren, Opernszenen: Lady Macbeth von Mzensk (St. Gallen, 2006). (Bild: ky/Regina Kühne)

Für Peter Heilker hat mit einem langen Sommer bei den Grosseltern alles angefangen. «Ich war auf dem Land, es war sonst nichts los, da hat der Grossvater begonnen, mir Opernlibretti als Geschichten zu erzählen. Er war Landtierarzt, ich war sechs. Und dann hat er mir einzelne Stücke auf Platten vorgespielt.» Zu Hause im Ruhrgebiet hat er dann die Eltern «so lange malträtiert, bis sie mich in die erste Aufführung mitgenommen haben». Und später, in der Pubertät, auch Freunde: «Ich ging mit ihnen zu den Toten Hosen, sie kamen zu <Lohengrin>.»

«Man kann gut andocken»

Heute sitzt Peter Heilker in seinem Büro im Theater St. Gallen, vor sich einen grossen Stapel an Partituren. Als Opernchef kann er Abend für Abend beobachten, was die Menschen an der Oper fasziniert. Oper, erklärt er, sei ja im Grunde etwas völlig Surreales. «Doch gerade da kann man gut andocken, kann man gut Identifikation betreiben, sich fallen lassen. Man ist ja eher bereit, sich einem besonders tragischen Schicksal hinzugeben. Das ist auch beim Film so. Aber singend geht es besonders gut.» Musik verstärkt, sie wirkt «wie eine Art Vergrösserungsglas».

Es geht dabei weniger um die Handlung. «Es ist die Situation, es sind die Zustände.» Hinzu kommt nun, dass man Oper mit anderen zusammen erlebt. «Mein alter Chef und Mentor Sir Peter Jonas hat immer vom Ritual gesprochen. Und zwar nicht vom Ritual auf der Bühne, sondern vom Ritual des Zuschauers.» Viele hätten zum Beispiel das Bedürfnis, sich auf eine besondere Art anzuziehen, so aus dem Alltäglichen herauszutreten, «um mit anderen gemeinsam in eine andere emotionale Erlebniswelt einzutauchen». In dieser Erlebniswelt regieren starke Gefühle, Peter Heilker illustriert es an seinen Lieblingsopern «Tosca» von Giacomo Puccini («ganz eindeutig meine Nummer eins»), «Norma» von Vincenzo Bellini und «Lohengrin» von Richard Wagner («ein ganz irrsinniges Märchen»). Da geht es um Liebe und Erlösung, Eifersucht und Begehren, Verrat und Mord – um das, was uns, im Positiven wie im Negativen, zu Menschen macht.

Vergeblich für tot erklärt

So wird die Oper zwar alle 25 Jahre für tot erklärt, lebt aber ganz munter weiter. «A la longue hat sie sich als weit widerstandsfähiger erwiesen als ihre kleine Schwester, die sehr zeitverhaftete Operette», stellt Peter Heilker fest. «Immer wieder wird Oper neu erfunden, oder historische Epochen wie der Barock erleben eine musikalische Renaissance. Es hört nie auf. Und: Das Publikum mag auch das Neue, wir haben das gerade sehr beglückend bei <Written on Skin> von George Benjamin erlebt.»

Wechseln wir die Seiten, gehen wir vom Opernspezialisten zum Opernliebhaber. In Martin Klötis Büro im St. Galler Regierungsgebäude stehen die Fenster offen. Er hat einen guten Blick auf den Schauplatz der Festspiele mit Giuseppe Verdis Oper «I due Foscari», er hat die Proben mitbekommen und das im Ausstellungssaal plazierte Orchester besucht. «I due Foscari» kennt er schon so lange, dass er das Stück «fast auswendig» kann. «Das ist besonders reizvoll, weil man sich dann auf anderes konzentrieren kann.»

Als Kind in Verona

Martin Klötis Opernleidenschaft hat früh begonnen. Schon als Kind hat er zusammen mit den Eltern in der Arena von Verona Verdis «Aida» gehört. In der Mittelschule hat er intensiv gesungen. Der Gesang, die Stimme hat ihn seither begleitet. Die Mutter und sein erster Partner Hans Gerd Kübel waren Schauspieler, in Zürich hat er oft nicht nur im Schauspielhaus gesessen, sondern auch in der Oper.

Wenn er in St. Gallen ins Theater geht, findet man Martin Klöti meistens vorne, in der allerersten Reihe. «Ich liebe es, alles aus der Nähe zu erleben, auch das Orchester», sagt er. «Ich gehe auf in den Geschichten, die sich da abspielen. Weil für mich die Oper eine Art Lebensschule bedeutet.» Sie lebt von der Psychologie, es geht um Liebe, um Hass, um Macht. «Deshalb kann man sagen: Ich habe geliebt, ich habe gemordet, ich bin gestorben – in der Oper.» Und: Es kommt auch immer darauf an, wo man im Leben steht. «Es gibt Opern, die man anders aufnimmt als junger Mensch, als wenn man älter ist.»

Begeistert – auch vom Jodelchor

Diese Identifikation verbindet ihn mit den Inhalten der Opern, die deshalb auch von einigem Gewicht sein müssen – auch dann, wenn es in mythische Tiefen geht. Dazu kommt das Gefesseltsein vom Phänomen Musik und von der Stimme. «Ich bewundere es enorm, wenn Menschen derart gut singen können – nicht nur in der Oper.»

Wobei für ihn das Geheimnis der grossen Stimme niemals nur in der Technik liegt, «sondern in der Persönlichkeit. In der Unmittelbarkeit von Emotionalität, im Ausdruck». Was keineswegs nur für die Oper gilt. «Ein Jodelchor kann mich genauso in Begeisterung versetzen, deshalb engagiere ich mich auch so stark für das Klanghaus.» Und deshalb vergisst er auch nicht mehr, wie an seinem dreissigsten Geburtstag im Toggenburg ein Jodelchor für ihn gesungen hat.

Besonders geprägt hat ihn der Händel-Zyklus am Opernhaus Zürich, «mit ganz wunderbaren Aufführungen auf Originalinstrumenten». Als Highlight greift er «Il trionfo del tempo e del disinganno» unter Marc Minkowski heraus. «Es gibt in der Barockoper einen Farbenreichtum, den ich anderswo nicht finde.»

«Kein wandelndes Lexikon»

Obwohl er der Oper wegen auch viel reist, will Martin Klöti nicht als Opernkenner gelten. «Ich bin kein wandelndes Lexikon, bin auch nicht eingespurt auf diesen Sänger oder jene Sängerin. Mir tut Oper einfach gut, sie trägt wesentlich bei zu meiner Lebensfreude. Ich gehe auch gerne allein in die Oper und meide Pausengespräche – weil ich mit dem Erlebten allein sein will.»

Dass Oper sich wandelt, manchmal auch zum Unwillen des Publikums, irritiert ihn nicht, im Gegenteil: «Das ist ja gerade das Interessante.»

Falstaff (Zürich, 2011). (Bild: ky/Steffen Schmidt)

Falstaff (Zürich, 2011). (Bild: ky/Steffen Schmidt)

Das Rheingold (Bayreuth, 2007). (Bild: epa/Jochen Quast)

Das Rheingold (Bayreuth, 2007). (Bild: epa/Jochen Quast)