Liebe, Stadt, Stahl und Strand: Silvia Avallones Neorealismo

Bella Italia. Wie wahr! Doch eine schöne und junge Italienerin aus der nicht überall schönen Toscana, Silvia Avallone, zeigt uns in ihrem fulminanten Erstlingsroman «Ein Sommer aus Stahl» die hässliche Seite des Landes.

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Silvia Avallone (Bild: pd)

Silvia Avallone (Bild: pd)

Bella Italia. Wie wahr! Doch eine schöne und junge Italienerin aus der nicht überall schönen Toscana, Silvia Avallone, zeigt uns in ihrem fulminanten Erstlingsroman «Ein Sommer aus Stahl» die hässliche Seite des Landes. Wir Touristen fahren per Fähre auf die Insel Elba, von der toskanischen Küstenstadt Piombino (Provinz Livorno) aus. Die sehr gut erhaltene Altstadt ist ein Juwel. Doch da steht auch die riesige Anlage des teils schon verfallenen Stahlwerkes Lucchini: Kokerei, Hochöfen, Walzstrassen – und tristes Niemandsland, verunreinigt vom Industrieabfall.

Stählernde Schicksalsgöttin

Silvia Avallone, Jahrgang 1986, geboren in Biella (Piemont), studierte Philosophie in Bologna, wo sie heute wohnt. Ihr Roman verkaufte sich im Jahr 2010 über 300 000mal im lesefaulen Italien. Die Autorin nannte ihn kurz «Acciaio», Stahl. Tatsächlich steht Piombinos Stahlfabrik quasi als düstere Schicksalsgöttin allgegenwärtig hinter den Menschen. Und da ist noch der (eher kümmerliche) Strand, wo sich die Familien der Stahlarbeiter ihr bisschen Naturglück holen. Die brünette Anna und die blonde Francesca vor allem, Freundinnen von dreizehn Jahren, die im Bikini die Wirkung ihrer rasch reifenden Körper erproben.

Knutschen, Fummeln, erster Sex. Dazu Familienkrach, Kindergeschrei, Fernsehgetöse, verpisste Treppenhäuser – die Tristesse der Mietskasernen an der Via Stalingrado.

Die Väterpaschas und ihre Söhne haben auf die Dauer «keine Alternative, als sich den Rücken in der Fabrik zu ruinieren». Manche kommen allerdings nicht einmal mehr dazu, sich den Rücken zu ruinieren. Die Stahlproduktion nimmt ab. Zur Brutalität der Arbeit tritt die Härte der Arbeitslosigkeit. Von einst 20 000 ist die Belegschaft auf 2000 geschrumpft.

Im drückend heissen Sommer 2001 suchen die beiden bellezze Anna und Francesca instinktiv die Gegenwart der Eltern, die ihre Zukunft ist, zu verdrängen. Lebenslust greift um sich, auch Lebensgier samt Drogen, Alkohol, Sex, Rasen mit Autos und Motorrollern. Und über all der Glut und dem Schmelz der Jugend wabert die Hochofenglut der Lucchini-Fabrik. Hier setzt Silvia Avallone leitmotivisch und sehr wirkungsvoll filmische Schnitttechnik ein, indem sie etwa Erotikszenen mit Betriebsvorgängen funkensprühend kurzschliesst. Bald aber lässt sich Anna mit dem attraktiven Kleinkriminellen Mattia ein, während Francesca sich nichts aus Männern macht und später als Stripperin eben diese Männer aufgeilt. Anna, ein Lichtblick, schafft es ans Gymnasium.

Die Atmosphäre von Strand, Stadt und Stahl vermittelt Silvia Avallone eindrücklich, bis hin zum genau recherchierten Industrievokabular. Naturalistisch dicht zeichnet sie den brutalen Vater Francescas, ihre verschüchterte süditalienische Mamma. Im Kontrast zu ihr steht die politisch engagierte Mutter Annas. Doch der Vater ist ein windiger Hochstapler. Die jungen Männer und Frauen rings um die beiden Freundinnen prägen sich ein in plastischen Porträts. Bewegend die Passagen mit der hässlichen Lisa und ihrer behinderten Schwester Donata im Rollstuhl.

Den Namenlosen eine Stimme

Ein erstaunlicher Debütroman: Die Intensität der Darstellung reisst mit, überspielt mühelos Längen, auch überzogene Espressivo-Passagen oder ein paar Entgleisungen hinein in süssen oder sauren Kitsch.

Das jugendliche Temperament Silvia Avallones vermittelt uns glaubhaft die überschiessenden Emotionen junger Menschen, das fiebrige Auf und Ab der Freundschaft zwischen Anna und Francesca. Und es gibt immer wieder rührende, zarte und auch drollige Szenen.

Aber die existenzialistische Grund-Härte liefert der Stahl. Kritiker fühlten sich an den italienischen Neorealismo nach dem Krieg erinnert. Insofern ist die Autorin eine Neu-Vertreterin der «altmodischen» engagierten Literatur. Sie löst ihr Credo aus dem Vorwort ein: «Auch dafür schrieb ich, um die Geschichten all der Namenlosen zu erzählen, die ohne Beachtung, Fürsorge, Gerechtigkeit leben und sterben.»

Heiko Strech